Der Wanderer.
Vr. 19».
Metristisches Keiblatt M
Allgemeinen
Mittwoch den «s August
185».
Eugen Stillfried
N a ch Fi W. Hackländer.
(Fortsetzung.)
Nun, was soll's denn, Jungfer Strebeling? fragte verwundert die Gemüsehändlerin, welche mit dem Abtrocknen ihrer Kaffeekanne beschäftigt, zufälliger Weise über dieselbe hinausschaute und auf diese Art das Manöver der sehr ehrenwerthen jungfrau bemerkte. Nun, so sprechen Sie doch! Was ist Ihnen denn so gar Grausames begegnet?
O lieber Gott! entgegnete die Andere und seufzte aber- WiS tief auf.
Nun, so reden Sie doch gerade heraus! Hat man Ihnen was gethan, ist Ihnen was gestohlen worden, haben Sie mit Ihrer Frau Schwester Streit gehabt? So sprechen Sie doch! Nun?
O lieber Gott! wiederholte das geängstigte blaue Wesen; aber in dem Ton und der Stimme, womit sie diesen Ausdruck wiederholte, lag es deutlich, daß das es nicht sei, was ihr zartes Gemüth beängstige.
Haben Sie Kopfschmerzen?
O lieber Gott!
Ist Ihnen denn überhaupt was passirt?
O lieber Gott!
Und wollen Sie etwas sagen?
O lieber Gott!
Nun, so reden Sie ins Kuckucks Namen! beim ich bin wahrhaftig nicht im Staude, Ihr Gefasel zu errathen ! Oder wenn Sie nichts sagen wollen, ist's mir auch recht. Ich kann das Gewinsel so nicht recht vertragen, Jungfer Strebeling, das wissen Sie; also wenn Sie mich mit dem verschonen wollen, ist mir's ganz recht.
D lieber Gott! gab die alte Jungfer verschämt zur Ant^ wort ustd hielt den meergrünen Sonnenschirm vor ihr gelb- liches Gesicht, welches dadurch eine wunderbare Schattirung »hielt.
Die dicke Frau beschäftigte sich, ohne sich um ihren Be- M weiter zu bekümmern, mit dem Ausspülen ihrer Tassen,
. und sic rappelten in dem Kübel durch einander, und das j Wasser plätscherte, oder es zischte zuweilen laut auf, wenn die Frau in ihrem Amtseifer etwas auf den heißen Heerd spritzte. Sie that gerade, als sei Niemand gegenwärtig, und ihr, welche die Jungfer Strebeling genau kannte, mochte es auch wohl einerlei sein, eine von deren lamentablen Geschichten zu vernehmen.
Die Jungfer Strebeling war nämlich bekannt dafür, daß sie das Leben stets von der Schattenseite auffaffe, und daß ihr der Tag als verloren erschien, ihr ungenießbar vörkam, den sie nicht mit ihren Thränen beträufelt. Dabei wußte sie nicht immer, weshalb sie weme; denn in Ermangelung eines wirklichen Schmerzes weinte sie über einen trüben Sommertag, über eine todte Fliege, über ein lautes Wort der Nachbarschaft und dergleichen mehr. Sie war eine ehrbare alte Jungfer, hoch in Vierzig; ihr Vater, ein seliger Schneidermeister, hatte ihr ein kleines Vermögen hinterlassen, von dem sie leben konnte, aber dabei so wenig Vorzüge des Körper-, daß es noch nie einem männlichen Wesen eingefallen war, von der Jungfer Strebeling die kühne Vermuthung aufzustellen, als sei auch sie zur Liebe geschaffen. Sie hatte nur eine verheirathete Schwester, ein unzartes Wesen, mit der sie nicht gern verkehrte; denn diese hatte ihr eines Tages die absurde Zumuthung gemacht, sie, die Jungfer Strebeling nämlich, möchte doch die Güte haben, einen Knopf an den Unaussprechlichen ihres Schwagers festzunähen. Schaudernd war sie nach Hause entwichen, und das eben Erzählte, sowie ähnliche, wenn auch minder starke Angriffe auf ihre Sittlichkeit hatten ihre zarte Seele so in den leichten Körper hineingeschüchtert, daß sie am liebsten allein war, und daß sie in dieser Einsamkeit sich als die größte Seligkeit ausmalte: Ach, wenn ich doch katholisch geboren wäre und in ein Kloster gehen dürfte! Ihr — davon war sie fest überzeugt — könne nach jahrelanger Buße der Heiligenschein nicht entgehen, und schon jetzt kam sie sich wie ein vollkommen reiner, geschlechtsloser Engel vor. Das einzige Sündhafte oder vielmehr Irdische, was diesem geläuterten Wesen noch anklebte, war eine geringe weltliche Eitelkeit in Betreff ihrer Kleidung. Nicht, als ob sie Aufwand und Luxus gemacht hätte — Gott bewahre! aber sie
