Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt M Nastallische« Allgemeinen Zeitang.
». F»^ Donnerstag den 19. Llngnst iss».
Eugen Stillfried
N a ch F. W. Hackländer.
(Fortsetzung.)
Als sie endlich zurückkam, befiel den Staatsratheine schwere Krankheit, während welcher sich manch Schauerliches und Unheimliches ergab, namentlich in einer gewissen Nacht, wo der Doctor Werner, ohne daß es der Kranke wußte, im Vorzimmer gewacht haben sollte. Es war dies eine kalte, windige November-Nacht; der Kranke befand sich auf dem Wege der Besserung, aber in jenem Stadium, wo ein Rückfall unfehlbar den Tod nach sich ziehen mußte. Dieser Rückfall trat nun auch wirklich in der bezeichneten Nacht gegen Morgen ein, und als der Arzt in der Frühe in das Haus kam, fand er, daß die Krankheit wieder mit unbezwingbarer Kraft über den alten Mann hergefallen war, daß er rettungslos verloren sei. Ein Diätfehler konnte nicht vorgefallen sein, und der alte treue Diener Jacob schwor dem Arzte mit Thränen in den Augen hoch und theuer, der Kranke habe nichts M sich nehmen können, als was ibm seine Hand gereicht.
In diesem Augenblicke aber zog ein scharfer, schneidender Luftzug durch das verdunkelte Krankenzimmer, und an einem Fenster, zunächst dem Bette, flogen die dunklen Vorhänge wie schwarze Trauerschleier hoch empor. Entsetzt warf sich der Arzt an das offene Fenster, um cs zu schließen, und Jacob, der erschüttert und todtenbleich dastand, faßte bebend die Hand des Arztes, drückte sie krampfhaft und sagte: bei Gott im Himmel, Herr Doctor, so wahr ich hoffe, selig zu werden, die Fenster und Läden dieses Zimmers habe ich gestern Abend auf das genaueste uutersucht. Sehen Sie, wie sorgfältig die andern noch befestigt sind. Bei allen Heiligen, auch an diesem war gestern Abend kein Riegel, keine Schraube los.
Tief erschüttert wandte sich der Arzt ab, und als er durch das Vorzimmer hinaus ging und dort den Doctor Werner bemerkte, der mit Durchsuchen von Papieren beschäftigt war, konnte er sich uicht enthalten, zu dem alten Diener in leisem, aber ausdrucksvollem Tone zu sagen: Das Unglück ist ge- schehen. Ich Beerbe gegen Mittag wieder kommen; bis dahin
kann der Staatsrath noch leben, aber sein Tod ist gewiß. Jenes offene Fenster hat ihn herbeigeführt, der — — kalte Nachtwind hat ihn gemordet.
Bei diesen Worten war der Doctor mit seinem Kopf auf die Papiere niedergesunken, in Schmerz und Trauer. Aber das dauerte nur einen Augenblick, dann raffte er sich auf, nahm seinen Hut und eilte mit bleichen, verstörten Zügen zum Hause hinaus.
Der Arzt hatte indessen nicht so ganz richtig prophezeit: der Staatsrath lebte noch bis zum Abend dieses Tages. Ja, nach der Mittagsstunde kehrte seine Besinnung wieder, und er sagte zu seiner Frau, die weinend vor seinem Bette auf den Knieen lag: Gewiß, Sophie, ich bin überzeugt, dein Herz war nur leichtsinnig, aber nicht schlecht; nicht wahr, du hast mir mit Ueberlegung nichts Böses zugefügt? — Ich will es ja gern glauben und verzeihe dir all die trüben Stunden, die du mir gemacht . . . Aber nimm dich vor jenem Manne in Acht, hüte dich vor ihm, hüte mein armes Kind, laßt ihn keine Macht über euch bekommen. Das verlange ich, es ist mein letzter, aber fester Wille! — Dann hat er gebeten, sie solle sich entfernen, und Jacob mußte zu ihm kommen. Ihm gab er mit zitternden Händen den Schlüssel zu einer kleinen Cassctte, und der alte Diener mußte daraus mehrere Briefe hervörsuchen, die sämmtlich nummerirt waren und welche ihm der Staatsrath bezeichnete.
Einige waren von der Hand der Staatsräthin, auch ein paar mit den Schriftzügen des Doctors Werner, andere von einer fremden, dem alten Diener völlig unbekannten Handschrift. Dann mußte dieser ein kleines Schreibpult herbeiholen, dasselbe mit Papier, Feder und Dinte auf das Bett niedersetzen und seinen Herrn unterstützen, der sich nun mühsam aus den Kissen empor hob und mit zitternder Hand zu schreiben begann. Es war, als halte der Wunsch, wichtige Gedanken, die den Sterbenden quälten, auf das Papier zu bringen, seine Lebensgeister aufrecht, ja, entflammten zu neuer Kraft; denn er schrieb fast an zehn Minuten, setzte Datum und Stunde hinzu und fügte seine Unterschrift deutlich und leserlich bei. Als dies geschehen war und der Arzt, der im Vorzimmer auf die Beendigung dieses Geschäftes gewartet,
