Wangen wurden blaß; aber unbeweglich blieb sie unter dem Thurmfenster stehen.
Durch das dichte Tannengebüsch den Blicken des sonderbaren Wesens verborgen, genoß ich mit Neugierde und leisem Grauen des unheimlichen Schauspiels von dem ich mich nicht loszureißen vermochte. Als endlich die Sonne untergegangen war und die Nacht hereinbrach, verschwand auch die Erschei- NMg am Spitzbogenfester.
Bald darauf trieb Aenneli von Siebenthal im braunen Kittel, barfuß, gesenkten Kopfes und mit traurigen Mienen, meiner nicht achtend, ihre Geisen an mir vorüber ihrer Hütte zu. ____________
Ein Corporal der Fremdenlegion. Eine Skizze aus Algerien.
(Fortsetzung.)
Nix schau i, antwortete der so angeredete Grenadier phlegmatisch, nachdem er aus den bezeichneten Punkt einen Augenblick hingestarrt hatte. — Celte maudite grosse téte! du bist so blind wie eine Kellerratte! fluchte der Korporal. Voyez, es wird ja weiß von Burnussen dort hinter den Büschen. — Ich nahm jetzt mit meinem kleinen Taschen-Fern- glase ebenfalls wahr, daß hinter dem mit Bäumen bewachsenen Kamm eines Hügels, der 8—900 Schritte von uns entfernt liegen mochte, eiue Menge weißer Burnusse sichtbar wurde.-
Trotz seiner Wunde war der Korporal inzwischen bei den marschirenden Soldaten vorbei zum Capitain getrabt, der vorn an der Spitze der Compagnie auf seinem mageren Maulesel ritt. Sogleich war das Signal des Tambours hörbar, daß die Compagnie sich sammeln und die „Eclaireurs“ zurückkommen sollten. Kaum eine Minute dauerte es nun, und im Quarree wieder fest geschlossen stand die Compagnie aufmar- schirt da, bereit, jeden Ueberfall auf das entschiedenste abzuwehren. Die Beduinen mußten jetzt sehen, daß ihr Plan des raschen Ueberfalles gescheitert war. Ungefähr ein Dutzend ihrer Reiter kam im vollen Laufe der Rosse den Bergabhang herunter gesprengt und jagten in weiten Kreisen um uns herum, die Uebrigen schienen sich zurückgezogen zu haben.
Das Vergnügen wollen wir ihnen versalzen! rief der alte Hauptmann und stieg von seinem Maulesel, während ihm ein Grenadier eine schöne, reichverzierte Büchse, die an dem Sattel desselben befestiget war, losmachen mußte; mit dieser ging der Alte einige Schritte vor das erste Glied der Grenadiere, legte auf einen der herumjagenden Beduinen an, zielte lange, und gab Feuer. Trotz seines nur einen Auges und der großen Entfernung hatte der Hauptmann vortrefflich gezielt. Kaum war der Schuß gefallen, so lag der Reiter auf dem
Boden, während das ledige Roß in wilden Sätzen den Berg hinauf jagte. So wie der Getroffene gestürzt war sprangen mit Blitzesschnelle zwei andere Beduinen aus ihren Sätteln, hoben den Gefallenen flugs auf das Roß eines dritten Rei- ters, der ihn vor sich nahm, und im vollen Laufe sprengten Alle davon. So viel ich durch mein Glas, mit dem ich ein aufmerksamer Beobachter war, erkennen konnte, lebte der Verwundete noch und hatte einen Schuß in die Achsel bekommen.
Den Hauptmann erfreute die gute Wirkung seiner Waffe ungemein. Er lachte mit seinem eigenthümlichen, kurz abgebrochenen heiseren Lachen einige Mal hell auf und rief wohlgefällig aus: Je l’ai couché roide mort ce coquin la!
Eine Viertelstunde noch ließ der Hauptmann dasQuarree aufmarschirt stehen; als wir dann auch mit unseren Fernrohren nichts mehr von den Feinden entdecken konnten, ward der Befehl zum Weitermarsch wieder gegeben. Ganz in früherer Weise trat die Compagnie denselben an, wobei die Tamboure jetzt auf Befehl des Hauptmanns oft einen Marsch schlagen und die Signal-Trompeter auf ihren Instrumenten blasen mußten, damit die Beduinen wüßten; daß wir munter wären, wie der Alte meinte. Uebrigens lösten oft andere Grenadiere die Tamboure und Signalisten ab, da viele Soldaten im Gliede waren, die mit Trommeln und Trompeten umzugehen verstanden. Einer dieser Trompeter blies, auch zum Scherz das alte bekannte deutsche Lied, dessen Text mit den Worten ansängt : „ Immer langsam voran, immer langsam voran, | daß die Krähwinkler Landwehr nachkommen kann"!
Qu’est eela? fragte ein Franzose, der dieser eintönigen Melodie ausmerksam mit zugehört batte.
La Marseillaise des Allemands, antwortete spöttisch ein s anderer Grenadier.
Ecoutez, écoulez la Marseillaise des Allemands! riefen jetzt mehrere Soldaten und hörten nun neugierig und gespannt diesem monotonen „Immer langsam voran, immer langsam voran" zu.
Ah, quelle mélodie détestable! rief endlich ein Sergeant- Major aus. Allons , camarades, chantons la Marseillaise ■ frangaise. ■
Oui , oui , chantons la Marseillaise! ließ es sich jetzt überall hören. Trotz der heißen Sonne und des ziemlich beschwerlichen Marsches mit vollem Gepäck, stimmten nun an 60—80 kräftige, rauhe Stimmen, größtentheils französische Unteroffiziere und Soldaten, die in der Compagnie dienten, in vollem Chor den brausenden Gesang: „Allons enfants de la patrie, le jour de gloire est arrivé“! an, und auch die Tamboure schlugen den Wirbel auf ihren Trommeln dazu.
In Paris dürfte man so was jetzt nicht hören, meinte der Hauptmann, der behaglich seine kleine Thonpfeife rauchend
