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Der Wanderer.

Beiblatt Mr Nassauische» Allgemeinen "" „.

» 183.

Freitag den 6. August

1852.

Aenneli von Siebenthal.

Eine Baregeschichte aus den Alpe».

(Fortsetzung.)

Oben in den Staatszimmern waren unterdessen einige Er- nischungen ausgetragen worden, Kaffee im feinsten Porzellan, hundertjähriger Saanenkäse, goldgelbe Butter, Honig und das Simmenthaler Nationalgericht, Kirschmus, welches aus dem mit einem Zusatz von fettem Rahm über gelindem Fener ein­gekochten Saft der kleinen wilden Bergkirsche besteht. Wer den Kaffee nicht mochte, dem wurde ein vortrefflicher rother Wein eingeschenkt, welcher vom Wallis cher in kleinen Fässern entweder auf Saumthieren oder auf dem Rücken der Träger über den Sanetsch gebracht worden war; dazu nach Belieben entweder kräftiges, braunes Roggenbrod oder Backwerk vom weißesten Weizenmehl.

Nach dem Abendimbis schritt man zu den Geschäften und es wurde dem Herrn Notar mitgetheilt, daß die Gräfin auf den Ankauf der Weißenburg Verzicht geleistet habe. Schließ­lich äußerte die Gräfin ihr herzliches Bedauern, daß ihr nun die Gelegenheit entgehen würde, die Bekanntschaft des alten Adels der Umgegend zu machen, der Träger der Namen der Burgen und Schlöffer, welche als Denkmäler alter Ritterzeit so manchem Hügel und Felsen herniederschauen. — Vater Jmobersteg lächelte schalkhaft in den Bart. Ich habe, meinte ") eben einige im Hause und mache sich ein Vergnügen dar- dieselben der gnädigen Frau vorzustellen.

Man war in's Freie gegangen und saß in der Abendkühle dein Hause. Nicht weit von uns dengelte ein Knecht seine

ein zweiter führte auf hochbeladenem Schubkarren den Dünger aus dem Stall; eine Magd molk auf einem kleinen Meideplâtzchen vor dem Hause zwei Kühe. Der mit der cci'ic> fuhr Vater Jmobersteg zur Gräfin gewendet fort, sei ein von Allmen, jener mit dem Schubkarren gehöre zum Ge- Ichlecht der von Gunten und das melkende Mädchen stamme von einer der ältesten Familie des Oberlandes, von den ab Planalp. Es wären sonst noch mehrere da, aber der Hans von Ringoldingen sei eben mit einem Pferde in die Schmiede

geritten und der Christen ab Egglen ziehe als Käfer im Som­mer mit den Herden nach den höhern Achen.

Ganz betroffen schaute die dicke Gräfin bald den Alten, bald die Knechte und Mägde mit den adeligen Namen an und wußte nicht recht, ob sie gefoppt werde oder träume. Ihr Erstaunen brach endlich in den Ausruf aus: „Unmöglich!"— „Es ist schon so," bestätigte unser Wirth. „Es gab eine Zeit, da saßen die Vorfahren dieser Leute auf stolzen Burgen, und unsere Urväter, die Jmobersteg und Z'wald und Tönne u. f. w. waren ihre Hörigen und mußten ihnen dienen. Dann kam der Bär mit seiner schweren Tatze und schlug die Bur­gen und die Schlöffer nieder; wir aber mußten dem Landvogt dienen statt dem Schloßherrn. Da hat sich das Rad wieder etwas gedreht; Michel von Allmen muß mir mein Gras mä­hen und Madeli ab Planalp melkt mir meine Kühe; aber die Stimme des Siebenthalers wiegt gleich schwer, wie die des Herrn von Bern, dessen Vater einst als Landvogt zu Wimmis * auf dem Schlosse saß. So läuft eben die Weltgeschichte." — Die dicke Gräfin seufzte: „Hier ist kein Boden, alte Burgen wieder aufzubauen."

„Seht!" rief jetzt Vater Jmobersteg. „Da kommt gar Einer vom allerältesten Adel, wie die Sage geht, der letzte Sprosse des freiherrlichen Geschlechts derer von Weißenburg." — Wirklich schritt der verwittwete Wasserträger des hinteren Bades mit seinem schweren Tragkorb und seinem laugen Stecken des Weges daher.

„Woher, Peter von Siebenthal"? — „Vom Stocken- see", antwortete der Mann, „wo ich für die Herrschaften im Bad Forellen holte. S'ist ein saures Verdienen"! fügte er, den Schweiß wischend, bei. — „He, Mädeli ab Plaualp! hole dem Peter von Siebenthal ein Glas Wein; er soll's auf unsere Gesundheit leeren".

So pikant die Scene, au und für sich war, so schien doch der dicken Gräfin höchst unbehaglich dabei zu werden. Auch der bleiche Graf, der schweigsam und hüstelnd den Ausflug mitgemacht hatte, wurde seit dem Erscheinen des Peters von Siebenthal unruhig und drängte fort. Von Gunten und von Allmen spannten uns den Wogen ein und nahmen mit Dank das dargereichte Trinkgeld.