Einzelbild herunterladen
 

Ein neues Mittel gegen Drandwunden und dergleichen.

Gewiß nicht ohne Interesse möchte dem nichtärztlichen Pub­licum eine Mittheilung über ein neues Hausmittel sein, wel­ches allen praktischen Erfahrungen zufolge nicht nur bisherige Klebmittel, wie engl. Pflaster, Heftpflaster rc. entbehrlich macht, sondern noch weit überbietet. Ich meine Collodium, eine Lösung von Schießbaumwolle in Aether, welche, von Zeit zu Zeit mit einem Haarpinsel auf die Haut getragen, alsbald einen dünnen, für Wasser undurchdringlichen weißlichen Ueber- zug bildet, und somit überall, wo Luftzutritt möglichst abzu­halten, und kalte Umschläge nothwendig sind, die beste Gele­genheit zur Heilung bietet, und bei dessen Anwendung jedoch die leichte Brennbarkeit des Aethers etwas zur Vorsicht rathet.

Nach dem so sehr praktischen Arzte, Dr. Krell in Ho­henheim, und vielfach eigenen Versuchen, findet das Collodium hauptsächlich Anwendung bei Hautabschärfungen an allen Thei­len des Körpers, besonders des Gesichtes; bei allen einfachen Wunden, wie bei Schrunden an Lippen und Händen, in welch' letzterem Falle arme Wäscherinnen besonders gewin­nen.

Der Handwerksbursche mit seinen wundgelaufencn Füßen kann sich damit für den kommenden Morgen geheilte Füße verschaffen.

Blutegelstiche, deren oft zu langes Bluten durch arabisches Gumi, colophonium re. kaum zu hemmen ist, werden dadurch leicht verschlossen.

Wunde Brustwarzen, alte flache Geschwüre, besonders an den Füßen, wie Nothlaufentzündungen heilen oft in kurzer Zeit unter der schützenden Decke des collodiums.

Zahnschmerzen, wenn solche von dem Zutritt der Luft in hohle Zähne herrühren, verschwinden häufig dürch Aus­pinseln des hohlen Zahnes, oft sogar schon durch Ueberstreichen der betreffenden Wange.

Besondere Hülfe aber leistet das Collodium bei Brand­wunden, wie bei Frostbeulen, wobei es bisher angewandte Mittel, wie Seifenbrei, Watte, Oel rc., nicht nur überflüssig macht, sondern wie oben berührt, durch seine Undurchdring­lichkeit, sogar kalte Umschläge zuläßt. Selbst bei sehr aus­gedehnten Verbrennungen befreien nur wenige Pinselstriche, wenn sie auch kurze Zeit an den von Haut entblösten Stellen einiges Brennen verursachen, fast augenblicklich von großen Schmerzen Md die Heilung erfolgt in verhältnißmäßig gerin­ger Zeit.

Aber nicht nur zur Heilung vorhandener Verletzungen und Entzündungen, sondern überhaupt, wo es sich um Abhaltung

von Luft handelt, möchte Collodium Anwendung finden und somit am Ende auch, so wunderlich es klingen mag, bei star­ker Kälte die dem Erfrieren am meisten ausgesetzten Theile durch Ueberziehen schützen.

Der nicht allzuhohe Preis dieses schätzbaren Mittels, wel­ches in jeder Apotheke zu haben ist, wird Jedem dessen An­wendung gestatten, —,und collodium somit bald gebührende Anerkennung finden. (Manul). I.)

M i s c e l l c w.

Der erste Mai in Hamburg ist ein sonderbar verhäugnißvoller Taz, nicht etwa wegen der zum Blocksberg reitenden Heren, gegen welche die Straßenjugcnd indeffen auch hier nicht verfehlt, in der Mainacht die Hausthüren durch Kreuze zu schützen, sondern wegen des allge­meinen Umziehens, das an diesem Tage vorgenommen wird. Die Stadt erhält dadurch eine ganz veränderte Physiognomie; in allen Straßen versperren die schwcrbcpackten Möbelwagen und das Auf- und Abladen der Sachen den Weg und machen den Eindruck, als be­fände man sich auf einem [ungeheuern Trödelinarkt. Alle petites mi- sères des Lebens stehen am ersten Mai in Blüthe und Theater und Vergnügungsorte bleiben leer. Vor den Thüren mancher kleinen, von der ärmeren Volksklasse bewohnten Häuser findet man auch wohl einen Nachtwächter, vom Bolkswitz „Uhle, das heißt Nachteule genannt, gravitätisch postirt, und erkundigt sich etwa ein Fremder nach dem Grund dieser am hellen Tage so auffallenden Maßregel, so wird ihm die Auskunft, der Hauswirth wolle die Einwohner verhindern „mit Respekt zu ziehen," wie man es hier nennt, wenn die Miethlente heimlich ihre Wohnung verlassen, ohne die Miethe zu bezahle». Trotz aller Vorsichtsmaßregeln gibt es jedoch immer viele, welche die Wach­samkeit der Uhle zu täuschen wissen, und oft findet der Hauswirth nur noch das leere Nest, oder, er kann auch wohl das Vergnügen genießen, seinen Miethern an der Straßenecke sammt ihrem Hausrath zu be­gegnen und zu sehen, wie sie ihm freundschaftlich zunicken, ohne das er den Versuch machen dürfte, sie am Fortziehen zu hindern, denn nach einem alten Herkommen erstreckt sich sein Recht an den Hausrath nur bis an den Rinnstein; ist dieser einmal überschritten, so mag er sehen, wie er seine Ansprüche anderweitig geltend macht; der Flücht­ling ist auf neutralem Boden und die Straßenpolizei fordert ihm keine Micthquittung als Paß ab. — Ungefähr acht bis zehn Tage nach dem Umziehtag bricht für die Hausfrauen ein nicht minder in­haltschwerer Tag an, der Abgangstag der Dienstmädchen der soge­nannte Bündelabend, und da die Mehrzahl der Dienstmädchen bei der im Laufe der letzten Jahre sichtbar eingerissenen Demoralisation selten länger als ein halbes Jahr in einem und demselben Dienst gut thut, kann man sich die Völkerwanderung vorstellen. Die Hausfrauen seuf­zen schwer, ja es gibt deren, welche aus Amtsfeier den ganzen Tag keine Besuche annehmcn, während alte und junge Herrn am Abend Ercursionen durch die Straßen mache» und sich den Mädchen als Bündelträger anbitten.

Eine interessante Anecdote über die Kenntnisse der Franzosen von Deutschland curftrt in einem unserer Taunusbäder. Der berühmte Leon Faucher frug nämlich, ob Oldenburg eine Provinz von Mecklen­burg sei? und war sehr erstaunt, es als ein selbstständiges Großherzog- thum nennen zu hören. ____________________________

Verantwortlicher Redacteur : Dr. A. Aocztk^

Druck und Expedition von Wilhelm Friedrich in Wiesbaden, Langgasse 42,