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Der Wanderer.

Beiblatt M

MgmnM Zeitung.

» ist. Mittwoch den 4. August isst.

Aenueti von Siebenthut.

Eine Baveaeschichte aus den Alpen.

(Fortsetzung.)

Während die Figuren der Gruppe bewegungslos in ihren Stellungen verharrten, wurde zum Verständniß des Bildes eine, wie es hieß vom bleichen Grafen selber nach derVolks- sage gedichtete Ballade vorgettagen, die ich leider nicht mit­theilen kann. Es war aber eine gewöhnliche romantische Ehe­bruchs- und Mordgeschichte aus den besten Zeiten desRitter- thums.

Während des Vortrags der Dichtung konnten sich die Zuschauer das Bild mit Muße betrachten; nun aber wurde das Publicum ersucht, auf einige Augenblicke abzutreten. „Schön Irmgard" — so hieß die schöne Burgfrau — hatte niemand erkannt. Man erschöpfte sich in Vermuthungen. Einige meinten, es möchte eine Kuristin des Hintern Bades seyn, welche vom bleichen Grafen bewogen worden, incognito die schlimme Freifrau darzustellen; andere behaupteten, es sey eine der russischen Fürstinnen, welche sich seit einigen Mona­ten in Interlaken aufhielten und so viel von sich reden mach­ten. Man hoffte, das Räthsel werde sich nun lösen, man werde nun die geheimnißvolle Frau von Weißenburg in der - Nähe sehen, mit ihr sprechen, ihre Bekanntschaft machen kön­nen. Als aber die Thüre zum Theater wieder aufging, war schön Irmgard verschwunden. Selbst von den Mitspielenden wußte niemand etwas näheres, als daß die Freifrau in voll­ständigem Anzug vom Grafen aus Elselis Zimmer geholt worden und gleich nach Beendigung der Vorstellung spurlos verschwunden sey. — Mir selber ging erst ein Licht auf, als wir Hans Pöhlen des andern Morgens zuraunte: „Habt ^X Aenueli gesehen, Herr, gestern Abend im Narreukleide? — Warte der bleiche Satan, bis ich ihm einmal an den Kragen kann!" sezte Hans, feinem besonderen Gedankengange folgend, leise bei.

Nach Regen kommt Sonnenschein. Auch in Weißenburg konnte man endlich wieder blauen Himmel sehen. An einem ber ersten Tage, nachdem sich das Wetter wieder aufgehellt hatte, war eines Morgens ein Blatt Papier angeschlagen,

I worauf zu lesen stand, daß Abraham Feuz auf der Leiterweide i heute Nachmittag Punkt drei Uhr auf dem Seile reiten würde, wozu eine hochachtbare Badegesellschaft aufs Höflichste einge­laden sey.

Nach Tische fand sich eine ziemlich zahlreiche Partie zu­sammen, welche dem Seilritt des Abraham Feuz auf der Leiterweide beiwohnen wollte. Hans Pöhlen schritt als Führer voran. Zuerst gings dem tosenden Buntschibach ent­lang bis zum Köhlerplatz hinter dem alten Bad, dann fast eine halbe Stunde lang am Abhang der Schlucht gäh bergan und endlich über die Höhe weg durch einen Forst der schön­sten Edeltannen. Wir seien an Ort und Stelle, sagte end­lich Hans Pöhlen. Wenige Schritte vor uns senkte sich eine lothrechte Felswand in die Tiefe, wo vierhundert Fuß unter uns ein Wildbach zwischen Felsblöcken schäumte. Ebenfalls lothrccht erhob sich jenseits des Baches eine zweite Felswand. Auf dein jenseitigen Rand dieser schwindlichten, ungefähr acht­zig Klafter breiten Erdspalte und etwas höher als die Stelle, wo wir uns gelagert hatten, stand ein kleines braunes Häus­chen auf grüner Alp. Es war die Leiterweid, wo Abraham Feuz und seine zahlreiche Familie zu Hause waren. Wollten die Bewohner der Leiterweid unter die Leute gehen, zur Kirche, zur Schule oder zu Markt, so mußten sie zum Theil über Leitern den gähen gefährlichen Weg in die Schlucht hinab und jenseits wieder hinauf. Einen andern Pfad von der Leiterweid in die bewohnte Welt gab es nicht. Da fiel es dem Abraham Feuz ein, ein langes starkes Tau über den Abgrund zu spannen. Aus das Tau setzte er rittlings den Gabelast einer Hainbuche und befestigte an die beiden ab­wärts gekehrten, etwa fußlangen Zinken der Gabel lose einen kurzen Strick. Das schräg über die gähnende Erdspalte gespannte Tau wurde zur luftigen Hanfbahn, der Gabelast zur improvisirten Lokomotive, welche pfeilschnell darüber weg­gleiten mußte, und der lose am Gabelast befestigte Strick zum schwindlichten Sitz. So schickte Abraham seine Frau zur Kirche, seine Kinder zur Schule und brachte selbst sein Wild­heu über die Schlucht, um es dann ins Thal hinab zu Markt zu tragen.

Die Bahn von gedrehtem Hanf, welche er sich zuerst bloß