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Der WtMderer.

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IMrissischcs Beiblatt zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

fr. g?8. Samstag den sr Juli F«ss

Kennel» von SèedcnèhtU.

(£\ne DadkIeschichte aus den Alpen.

(Fortsetzung.)

Hans Pöhlen, mein alter Freund, der mir meinen Koffer getragen und sein Herz entleert hatte, ging täglich bei uns ab und zu. Es war eben seine Hantierung, die Siebenfachen der aulangeudcn und abgehenden Kurgäste auf seinen starken Schultern vom Dorf in's Bad und vom Bad in's Dors zu tragen, oder auch irgend einen der Gäste, welcher sich weder aus seine Füße verlassen, noch den Ritt auf dem tückischen Maulthier wagen mochte, im ledernen Tragscssel schleppen zu helfen. In den letzten Tagen aber schien es mir, als sei Hans Pöhlen nicht mehr derselbe muntere Bursche, welcher mit zwei Gentnern auf dem Rücken über alle Berge hätte springen mögen und zu johlen verstand, wie selten einer1 im lustigen Siebenthal.

Als er eines schönen Morgens die Effecten eines abrei­senden Kurgastes vom Bad nach dem Dorf hiuuutertragen mußte, ging ich ihm nach und fragte ihn, wo cs fehle. „Ach, Herr", gab er zur Antwort, , mit dem Aenneli ist cs nun gar aus." — Das werde so gefährlich nicht sein, meinte ich; Liebe müsse gezankt haben, um so zärtlicher sei dann hintennach die Versöhnung. — „'S ist schlimm genug", erwiederte Haus Pöhlen; „wir beide gehören nicht mehr zu einander." — Db man wissen dürfe, was vorgefallen sei, fragte ich. — "2 ja, wenn Ihr Geduld habt, zuzuhören."

„Die Berge stehen fest", begann Hans Pöhlen mit einem schweren Seufzer. „Wie vor tausend und aber tausend Jah- schaut der Riesen in's Sicbenthal hinein und über den Deuucrsee hinaus in die weite Welt. Aber Mcuschcnwerk und Menschensinu sind veränderlich. Seht, Herr, dort, wo Buutschibach sich in die Simme ergießt, auf dem steilen Gutsch, gerat) ob dem Weißenburger Dorf, stand vor Zeiten das Schloß der Freiherrn von Weißenburg. Vor etlichen hundert Jahren mag die Burg mit ihren weißen Thürmen und Mauern stolz über das Thal weggeschaut haben, und die Freiherrn von Weißenburg sollen gar mächtige Herrn gewesen ^. Jetzt ist die Burg zerfallen bis auf wenig graues mür-

' bcs Gemäuer, das von Brombeeren, Haselgesträuch und wil- ; den Holderstauden überwachsen ist. Im Sicbenthal gibt es : längst keine Freiherrn von Weißenburg mehr. — Jetzt hört, Herr", fuhr Hans fort, nachdem er sich die hellen Schweiß­tropfen von der Stirne gewischt. „Mit dem Aenneli hat es eine besondere Bewandkniß. Aenneli hat nichts als drei Geißen zu eigen. Habt Ihr schon den langen grauen Alt­vater gesehen mit dem knochigen, eckigen Gesicht, das aus­sieht, als wär's ein Stück verwitterter Fluh, das einer ab dem Gantrisch oder Stockhorn heruntergeschlagen? Er hat ein mühseliges Geschäft. In seinem hohen Tragkorb schleppt er zur Sommerszeit in Flaschen gefülltes Weißenburger Was­ser vom Brunnen beim Hintern Bad in's Dorf hinunter, wo cs auf Wagen verladen wird, im Winter trägt er Kohlen. Schweigsam und ausrecht geht. der Alte Jahr aus Jahr ein schwer beladen an seinem langen Stecken den steilen Weg. Das ist Acuucli's Vater und er heißt Peter von Sieben­thai."

„lind dieser Schwiegervater hat dir zu wenig Batzen"? unterbrach ich den Träger, der aber verneinend den Kops schüttelte. — „Seht, Herr, so schlecht des alten Peters Hütte ist und so sauer er sich sein Brod verdienen muß, so geht doch die Sage unter den Leuten, Peter von Sicbenthal sei vom Stamm und Blut der alten Freiherrn, die einst von der Weißenburg herab über das Thal regierten. Und es geht ferner die Sage, die Weißenburg werde einst wieder anfge- baut werden, und die Sprößlinge der alten Freiherrn, die jetzt in Schmach und Dürftigkeit leben, werden dann wieder auf dem Schlosse wohnen, reich, angesehen und voller Freuden. Aber Aenneli von Sicbenthal ist die letzte ihres Namens."

„Da ist wohl Hans Pöhlen dem Freifräulein zu gering warf ich ein. — „Aenneli ist stolz, trotz seiner Armüthigkeit, und den ersten besten läßt's freilich nicht ein, der an sein Gadenfenster klopft. Von jeher gings am liebsten allein und trieb seine Geißen nach dem Gemäuer der alten Burg, wo es stundenlang sitzt zwischen Brombeeren und Haselstauden und wegschaut über das Sicbenthal. Zuweilen singt es dann auch ein oder anderes Lied, das von den Freiherrn handelt