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Der Wanderer.

Kelletristischcs Deiblatt ;»r Nassauisches Allgcmeinkn Zeitung.

3>-, Freitag den so. Juli /ss».

Äenneli von SrebouLhal.

Eine Baeegcschichtc au5 den Alpen.

(Fortsetzung.)

Und weil nun, so hieß es in Weißenburg weiter, die große H Welt nicht zu Vater Imobersteg kommen wolle, under nicht mehr I in die große Welt hinaus möge, und doch gern mit der Welt auf dem Laufenden bleibe, so gehe er allsommerlich uachWei- I ßenburg, um sich dort am kleinen Müstercheu zu betrachten, - was jetzt in der Welt jenseits des Gantrisch und Stockhorns 5 neueste Mode sei. — Das zweite bestellte Zimmer war für ; Vater Jmoberstegs Elsbeth , die er sich zur Kurzweil mitge- nommen hatte.

Die Badegesellschaft im vorder» Hause bildete einen ziem­lich eigenthümlichen Mischmasch. Die von Hru. Druev ver­folgten, eidwcigcrndcn Pastoren aus dem Waadtland, zu de- I neu auch mein langer Zimmergenosse gehörte, waren sehr zahl- I reich vertreten. Zu ihnen gesellten sich einige schwindsüchtige i Söhne reicher Wirthe und Müller aus dem „Bernbiet", welche I bei gutem Wetter kegelten, bei schlechtem Wetter aber dem edeln „Binockel" oblagen. Das Berner Stadtpatriziat hatte I einige Repräsentantinnen der exclusivsten Sorte gesandt, mit, I denen man einen Scheffel Salz gegessen oder doch mindestens etliche Eimer Thee geleert haben mußte, bevor man cs wagen ' durfte, mit ihnen ein Gespräch über die herrschende Witterung ' auzuknüpfc». Basel war durch einige behäbige Millionäre mit Frauen und Töchtern vertreten, die einige Aehnlichkeit mit ge- * wissen Gemäldcii hatten, an denen man hauptsächlich die schö­nen Goldrahmeu bewundert. Ferner war ein ziemlicher Ucber- siuß an lang aufgeschossenen Pfarrcrstöchtcrn vorhanden, schmal zwischen den Schultern, mit lang gestreckten Hälsen nud tief herabhängenden Schmachtlocken. Auch die Ostschweiz hatte ihr Kontingent von Hustern geschickt. Selbst von den gesegneten Gestaden des Mittelmeercs, von Marseille, Triest, Smyrna, hatte der Ruf der Qucllenuymphe von Weißenburg gläubige Pilger hervorgelockt. Obgleich die Mehrzahl der Gäste der deutschen Zunge angehörte, so wurde doch vorzugsweise fran­zösisch gesprochen. Wie hätte man den anwesenden Franzosen zumutheu dürfen, deutsch zu verstehen?

Die Herrschaft, welche mit Vater Imobersteg angekommen war, führte den Grafen titel und irgend einen unaussprechbaren böhmischen Namen. Man nannte den jungen Herrn deßhalb und weil unter allen blassen und erdfarbenen Gesichtern der Badsgesellschaft das seinige unter dem schwarzen Lockenhaar hervor am blassesten aussah, nur den „bleichen Grafen". Da in Weißenburg fette, wohlgenährte, rubicunde Gesichter zu den größten Seltenheiten gehören, so hieß die Mutter des blei­chen Grafen per se die „dicke Gräfin".

Wie in andern Bädern, so ist es auch in Weißenburg Hausregel, daß der frische Ankömmling, sei er noch so vor­nehm oder reich, sich bei Tische untenan setzen muß. So kam. cs, daß unten neben mir Vater Imobersteg und das gold- ! haarige Elseli zu sitzen kamen. Ihnen gegenüber, auf der an- ; dem Seite des Tisches, erhielten die,dicke Gräfin und der. ; bleiche Graf ihre Plätze. Anfangs schnitt die Gräfin dem : „Bauer", welcher ihr die schönsten Zimmer des Hauses weg- i geschnappt hatte, entsetzlich saure Gesichter. Fette Leute sind jedoch in der Regel gutmüthig und leicht versöhnt; Vater Imobersteg aber wußte zu leben und hatte schon mit gar vie­lerlei Leuten Eingang gepflogen. Er sprach sehr geläufig fran­zösisch und befliß sich .sogar jener rücksichtsvollen Galanterie der Herren von der alten Schule. Die Entrüstung legte sich und man wurde bald gut Freund .mit einander- Die dicke Gräfin hörte, mit wachsende.nl Interesse den klugen .alten Mann in der schwarzseidenen Zipfelkappe von Land und Leu­ten, von Sitten und Gebräuchen des Simmenthals erzählen. Insbesondere aber wurde das kleine Elseli ihr Liebling. „ El- scli konnte zwar noch nicht wälsch wie der-, Großvater, auch nicht hochdeutsch, sondern nur siebenthalisch, Aber die Gräfin behauptete, dies sei die schönste Sprache, welche sie je gehört; so hätten vor sieben- oder achthundert-Jahren die Schloßfräu­lein auf den Ritterburgen gesprochen; auch hätten dieselben eben solche goldfarbene Zöpfe über den Rücken hängen gehabt, wie das Elseli.

Weniger mittheilsam war der bleiche Graf. Man sah es an den tiefen dunkeln Augenhöhlen, daß obgleich noch jung, er doch schon viel gelebt und geliebt. Er schien sehr blasirt; um seinen Mund spielte ein bitterer, spöttischer Zug, und wenn