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Der Wanderer.

Beiblatt zur

AUgemeim»

Jr. i?5.

Mittwoch den ss. Juli

F8S»

kennet» von Siebenthal.

Eine Bareaeschichtc aus den Alpen.

(Fortsetzung.)

Nach diesen Worten wandte sich der Träger wieder um, einen leuchtenden Blick auf das Dorf, die Weiden, Wälder und Berge zu werfen, und rief dann: „Bin ich doch am liebsten ein Siebenthaler, wenn schon^die Engländer hier nicht so gut gerathen als im Bödeli oder im Haßlithal. Sind doch im Siebenthal die schönsten Alpen. Wo wächst süßeres Gras? wo stehen mächtigere Tannen? wo kauft man feinere Rosse und schönere Rinder als zu Erlenbach auf dem Markt? wo finden sich der brauen Häuser so zierliche wie in Latter- bach und Oberwyl, in Därstetten und Boltigen? wo sieht Einer hübschere Mädchen und flinkere Knaben, als gerade im Sicbenthal? — Mag denen von Luterbrunnen und Grindel- wald ihre Engländer wohl gönnen; am liebsten bleibt mir doch das grüne Siebenthal".

Dies alles brachte der gesprächige Führer in der weichen singenden Mundart der Thäler des Oberlandes vor, welche beinahe lautet wie die Sprache der Minnesänger des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts. Ich hätte ihm noch lange mit Vergnügen zugehört, hätte er nicht selber zum Aufbruch ge­mahnt.

Bou nun an führte der Weg nur allmählig ansteigend den steilen Abhang der Schlucht entlang, aus deren Tiefe das wilde Tosen des Buntschibaches drang, dessen weißer Schaum durch die Gipfel der Tannen, die tief unter uns standen, zuweilen zu sehen war. Zu unserer Rechten erhob stch mehr als hundert Fuß über unsere Köpfe die Wand der Schlucht, meistens dicht bewaldet, zuweilen aber so senkrecht, dmß kein Baum mehr Wurzel fassen konnte. An einer solchen Stelle saß dicht am Rande des Abgrundes ein Mädchen in der Simmenthaler Landestracht und weidete etliche Geisen. Der Anblick des Mädchens fuhr meinem Führer in die Glie­der. Er blieb stehen, stieß einen lauten Jauchzer aus und rief hinauf:

„Gottwilchen, Aenneli! Wirf mir einen Maien herab an meinen Hut, wenn du mich lieb hast".

Ob dies sein Schatz sei? fragte ich. — „Was will ich leugnen", war seine Antwort, „daß es mir die Hexe mit ihren blitzblanen Augen angethan"!

Den verlangten Strauß warf aber das Mädchen nicht herab, sondern versteckte sich scheu hinter die Sträucher und Felsen.

„Habe von meinen Kameraden schon Manches hören müssen wegen dem Aenneli", fuhr der Träger fort. „Sie lachen mich aus, daß ich dem Ding nachlaufe, das kaum drei Geisen im Vermögen hat; auch spotten sie, Aenneli habe rothes Haar; ist aber nicht wahr, 's ist braun, wie Nußbaumholz, und hat nur so einen wöthlichen Abglanz, wenn die Sonne darauf scheint. Ich könnte unter reicheren und hübscheren auslesen, meinen sie. Aber seit ich in die heiter blauen Augen geguckt, welche glänzen wie zwei Leuchtwürmer unter einer Holder­staude, da mag ich gar keine andere. Und ist auch das Aen- ncli in einer der mindesten der braunen Hütten daheim, die wie Schwalbennester an diesen Bergen kleben, und träg's gleich nur einen dünnen braunen Kittel und hütet die Geisen, so ist doch was Besonderes an ihm. Sähet Ihr das. Aenneli ein­mal oben auf den Flühen sitzen und so in Gedanken über das Thal wegschauen, Ihr müßtet selber finden, es stecke ein so vornehmes Wesen in ihm, daß man meinen möchte, die reichsten Bauerntöchter des Siebenthals, denen an jedem Fin­ger eine fette Alp hängt, wären fast zu schlecht, dem Aenneli als Mägde zu dienen".

Ich fragte, warum Aenneli den Meien nicht herabgewor­fen habe. Der Bursche erwiederte etwas verlegen, er habe es bei dem Mädchen noch nicht weiter gebracht, als daß es ihn kom­men und gehen lasse, wohl verstanden, so lange die Sonne am Himmel stehe. Samstag Nachts an das Gadenfenster zu klopfen, das gehe noch nicht an. Das Aenneli sei eben nicht wie andere Mädchen. Am liebsten gehe es mit seinen Gei­sen ganz allein, entweder an einsame verborgene Oerter oder hoch hinauf auf die Flühe, wo man weit über das Thal weg- schauen könne. Dort sinne es dann den alten Geschichte« des Siebenthals nach von den zerfallenen Burgen und den alten Klöstern; die wisse es alle auswendig, oder wenn es