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MetrWschcs Iriblatt zur Nassamschm AllMmeinm Zeitung.

i». 194. Dtenstne; den «7. Juli /ss».

^SermeU vu« Siebenthâl.

Eine Bakegeschichte aus den Alpen.

Der Kurort Weißenburg im Simmenthal ist das schweize­rische Nizza; nicht als ob cs am mitteländischen Meere läge, statt bei dreitausend Fuß darüber; auch nicht, als ob dort ein ewiger Frühling herrschte und milde italienische Lüste wehten; im Gegentheil, cs vergeht daselbst kaum ein Monat im Jahr, wo es nicht schneit, und der Wind, der da bläst, ist meistens sehr kühl; eben so wenig, als ob zu Weißenburg Orangen­bäume und Palmen wüchsen; es gibt da nur Tannen, aber deren desto mehr. Was Weißenburg zum schweizerischen Nizza stempelt, daS ist die milchlaue Quelle, zu der jene Adams­söhne pilgern, welche lange Hälse, eine vorübergebeugte Hal­tung und eine eingedrückte Brust haben, jene Evastöchter mit den verdächtigen rothen Röslein auf den Wangenknochen und dem unheimlichen feuchten Feuer in den tiefsitzenden Augen, kurz alle jene hustenden und hüstelnden Menschenkinder, für welche in den Apotheken kein Kräutlein mehr wächst. Einer­seits von Thun her, erst dem See, dann der Ränder und endlich der Siüime entlang, am Strettlingcr Thurm und am Schloß und Städtchen Wimmis vorbei, durch das Pferde- und rindvichberühmte Erlenbach, andererseits vom Genfersee her über Boll und Saanen, führen schöne Straßen bis in's Dorf Weißenburg. Von da aber bis nach dem Bade zu gelangen, muß man sich entweder des bekannten Verkehrsmittels der Apostel, oder eines abgegebenen ledernen Lehnstuhls, der an zwei Stangen befestigt und von zwei sehnigten Simmenthalern getragen wird, oder eines alten, äußerst stätigen und tückischen Maulthiers bedienen.

Ich fühlte mich rüstig genug, dem Beispiele der Apostel folgend, die eigenen Beine zu gebrauchen. Den Koffer mit meinen Siebenfachen nahm ein Bursche mit krausem Haar, offener Stirne und lachendem Munde auf seine Schultern und schritt, als wäre der ganze Plunder nicht schwerer als ein leeres Cigarrenkistchen, munter vor mir den gähen Fuß­pfad hinan. Nach einer starken Viertelstunde mühseligen Steigens im Zickzack befanden wir uns auf einem Punkte,

von weichern man fast senkrecht auf das Dorf Weißenburg hinabschaucn konnte. Der beschwerlichere Theil des Weges sei nun gemacht, sagte der Führer. Für Leute, deren Athem- werkzeuge der Reparatur bedürftig sind, ist die hier ange­brachte hölzerne Bank nichts weniger als Luxus. Ich setzte mich, um die Rückkehr meines Athems abzuwarten, der schon seit längerer Zeit ausgegaugen war. Indessen stellte sich mein Führer auf einen überhängenden Felskopf, der neugierig den Weißenburgern durch die Schornsteine in die Töpfe guckt, und ließ einen Jauchzer aus, der über das ganze Dorf wegfuhr und jenseits der Simme an den Bergwänden wi­derhallte.

„Lustig, lustig!" sagte ich, ein Gespräch einzuleiten. — „Wer möchte nicht fröhlich sein und jauchzen in dieser schönen Sommerzeit?" gab der muntere Träger zur Antwort. „Zie­hen ja jetzt die Sennen „mit de loba Chühne" auf die hohen Alpen und kommen dafür die fremden Herrschaften in unsere Thäler. Da kommt der Engländer mit den langen Zähnen und den langen Beinen; der zahlt am besten, will aber grob sein dürfen für sein Geld. Da kommt der Franzos, derPa- pagai, und meint, die hübschen Mädchen in den braunen Häusern seien alle für ihn gewachsen, klopft aber zuweilen am unrechten Orte und kriegt Prügel statt etwas anderem. Schade, was daneben geht! Hätte Geld's genug der Franzos, ist aber hinterhäbig wie ein Jude. Da kommt dann auch der deutsche Professor, die Brieftasche in der Hand, welcher alles besser gemacht hätte, wäre er nur dabei gewesen, als der Herrgott unsere Thäler modelte, ist unverschämt genug für einen, dem's nicht lauter in der Tasche klingelt. Nun/ man nimmt einen in den andern und ist nur froh, wenn unser Herrgott recht viele kommen läßt. Denn seht, Herr, das ist unser Brod."

Ich erwiederte neckend, es würden also hier zu Land die Engländer, Franzosen und deutschen Professoren gemolken, wenn die Kühe nach den Bergen getrieben werden. — „Frei­lich", fuhr mein Träger fort. „Es milkt, wer melken kann. Und warum sollte man nicht? Hat ja der liebe Gott ben Israeliten, da sie in der Wüste irrten, auch Manna geschickt, und dann fette Wachteln, aus daß sie sich davon nähren soll»