Der Wanderer.
Deiblatt zur
Allgemeinen Zeitung.
Jr. 15«.
Samstag den »4. Juli
/S5».
Der Bauernfänger.
Erzählung von Bernd v. Guseck.
(Fortsetzung.)
V11L
Der Abend sank, ein milder, sonnenklarer Soinmerabend. Mosen hatte den ganzen Tag weder Ruhe noch Rast gekannt, ihm war, als müsse sich noch Etwas begeben, das seine Pläne viel schöner ebene, als er sich selbst vorgenommen. Ueber Mariens Herz glaubte er nun vollkommen gebieten zu können, sie nahm treuen Antheil an ihm, sie bemerkte schon jede Wolke auf seiner Stirne, sie konnte traurig sein, wenn er in seinem Kampfe mit der Leidenschaft, welche überfluten wollte, verstummt schien.
Das reine Kind hatte keine Ahnung davon, welche Kämpfe überhaupt seit Kurzem wieder in seiner Brust erwacht waren, Kämpfe mit schwarzen Dämonen! Aber diese mußten ja besiegt werden von der Allgegenwart der Unschuld, in deren heiligender Nähe kein düsteres Bild der Vergangenheit mehr aufsteigen konnte!
Die Sonne war nun hinab, ihre letzten Strahlen verglommen auch an dem Knopfe des Schloßthurmes und tiefe Dämmerung wob ihre Schleier um Berg und Thal. Rastlos hatte Mosen die Flur durchstreift, hatte gelauscht auf jeden Vicrtelstuudenschlag, den die Schloßuhr mit ihrer Hellen Glocke verkündigte.
Endlich war es Zeit — Er wollte der Erste sein, wollte das ihm vertrauende Mädchen nicht warten lassen. Mit raschen Schritten nahte er der Bank, die er zum Orte der Zusammenkunft bestimmt hatte.
Sieh! die Stätte war nicht mehr einsam, sein Herz wallte höher auf. Er sah in der ungewissen Dämmerung, welche durch den Schatten des Baumes noch tiefer wurde, daß auf der Bank — wer anders konnte es sein, als Marie? Aber welch ein Eisstrom ging ihm durch sein Hirn, als sich bei seiner Annäherung die Gestalt erhob, welche er für das Mädchen seines Herzens gehalten hatte und eine Stimme, ein Name ihm entgegenklang, die er beide niemals wieder zu hören gehofft! Und es war sein Name, sein eigener und eigentlicher Name!
„Nichtswürdiger"! knirschte er, „welcher Satan führt Dich hierher"?
„Oho! kein Satan! Wenn Sie nämlich nicht der Satan sein wollen! Um Ihretwegen komme ich her und Sie werden einen guten alten Kameraden nicht so vor'n Kopf stoßen. Ich stoße wieder — wie'u Bulle" !
„Was willst Du? Woher weißt Du —"?
„I sch'n Sie 'mal! Denken Sie, daß Sie wie'n Irrwisch auslöschen können und Keiner weiß, wo Sie geblieben sind? Ich habe Ihnen ein Disken auf'n Dienst gepaßt, das ist Allens. Und was ich will? Geld, Männeken. Sie haben Geld, wie Heu — ich bin ein Lumpenhund! Aber Sie wissen doch von wegen und daß ich reden könnte —"
„Auf die Gefahr Deines eigenen Kopfes"! ries Mosen in allen Fiebern aufzuckend.
„O was können Sie mir thun! Sie sperren mich ein zeitlebens — auch gut! Hab' ich keine Sorge mehr, brauche nicht mehr im Thiergarten unter nassen Sträuchern und im Schnee unter den Bänken meine Nächte zu schlafen, brauche nicht mehr in die Fenster zu steigen, die Rentiers in den Setten zu überfallen, einsame Frauenzimmer mit Erpressungen zu scheuchen! Habe mein sicheres Brod — man wird alt, Herr Flasch. Sie aber —"
„Schweig! Was willst Du haben? Was verbürgt mir Dein Verhalten und daß ich Dich nie wiedersehe? —"
„O ne"! sagte der Kerl frech. „Wiedersehen werden wir uns allemal, wenn mir das Geld ausgeht! Ihnen kann cs ja nicht fehlen — Sie sind ein feiner Kunde, Ihre Spe- eulationen glücken alle — aber apropoh! Der Dachstein sitzt
„Was sagst Du".? rief Moseu erschrocken — wir wollen ihm diesen Namen,, an den er sich klammert, lassen.
„Ja, den haben sie ausgespürt. Der sitzt fest — ob er das Maul hält, müssen Sie besser wissen"!
„Gleichviel! — Ich werde Dir diesmal etwas Reisegeld geben, aber wenn Du Dich wieder unterstehst, in meine Nähe zu kommen, ich schwöre Dir, es ist dein Unglück"! Die Stimme, in welcher die letzten Worte ausgesprochen werden, klang wie gepreßt durch die zusammengeklemmteu Zähne,
