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Der Wanderer.

Beiblatt Mr Nassaaische« Allgemeine« Zeilnng.

Jr. 170.

Donnerstag den «2. Juli

iso.

Der Nauerufänger Erzählung von Bernd v. Ousecf.

(Fortsetzung.)

VII

Etwas besser ging es in Hermsdorf mit dem kranken La­ter, aber die Gefahr war noch nicht überstanden und die arme Marie that ihre häusliche Arbeit mit einem schwer betrübten Herzen. Sic war selbst trostbedürstig und mußte noch der Mutter, die Alles verloren gab und dem Grame sich fast un­thätig überließ, täglich Trost zusprechen. In der Wirthschaft ging es dabei schlecht. Die Dienstleute, der Knecht und die Magd thaten ihre Schuldigkeit nur halb, weil sie nicht mit der bisherigen Strenge dazu ungehalten wurde«. Wir kön- nen Alle ein schlaffes Regiment nicht vertragen — greife Je­der in seine eigene Brust, ob er stets und unter allen Um­ständen so eifrig und thätig bleib, wenn er gar keine Aufsicht zu erwarten hat. Vor der Tochter, welche zu jung und zu gutmüthig war, hatten Knecht und Magd wenig Respect, auch wenn sie auf das Feld oder in den Stall ging, um nachzuscheu rind selbst mitzuhelsen. So kehrte sie oft voll Aerger über NachlässiMten nach Hause zurück und durfte der Mutter nicht einmal davon sagen, denn sie fürchtete alle Tage, auch diese auf das Krankenlager sinken zu sehen. Wenn doch Joseph noch in Hermsdorf gewesen wäre!

Als sie in dieser Stimmung eines Abends den Fußsteig neben der Landstraße, an welcher der Acker ihres Vaters lag, zur Heimkehr einschlug, hörte sie einen Wagen hinter sich rollen und sah sich danach um. Es war ein landesübliches Fuhrwerk mit einer Leinwanddecke überspannt, was sie dort einen Plan- oder Planwagen neunen. Plötzlich hielt eS und ein Herr sprang heraus: sie erkannte ihn auf den ersten ^M- „Fahren Sie nur herein — in das Wirthshaus" ! jagte der Herr. zu dem Fuhrmanue. Marie kannte auch diesen, er war aus der nächsten Stadt und trieb Lohnfuhr- werk. „Ich komme nach, habe hier eine Bekannte ge funden" !

„Guten Abend, Marie"! wandte er sich nun, als cher Fuhrmann vorüberfuhr, an. das freundlich ausblickende Mäd­

chen. „Kennst Du mich noch"? Beide gingen jetzt neben­einander her.

„O — ich werde Sie doch kennen"! antwortete Marie und verweigerte ihm ihre Hand nicht.

„Nun, wie heiße ich"? fragte der Fremde.

„Das hat mir der Vater gesagt, Sie sind der Herr von Mosen", erwiederte Marie und lächelte ihn so vertrauensvoll rind unbefangen an, daß es ihm einen wahrhaften Stich in das Herz gab.

„Was macht dein Vater — er ist krank gewesen" ? fragte : er schnell.

„Er ist noch krank und wird wohl nicht wieder gesund werden, die Mutter wird auch krank", sagte Marie, die nach einem momentane« freudigen Vergessen um so kummervoller wieder an ihre Lage dachte.

„Armes Kind"! sprach Mose« mit dem Ausdrucke wahrer i Theilnahme. „Sage mir, was fehlt deinem Vater"?

Da überwältigte das Bedürfniß, sich einmal recht von Herzen auszusprechen, dies einfache Gemüth und sie erzählte unter vielen Thränen, wie das Unglück gekommen war. Es machte sichtlich in seiner Naturwahrbeit den tiefsten Eindruck auf den Zuhörer. Als sie geendigt hatte, schwieg er eine ; lange Weile, als könne er nicht das rechte Wort und de« i rechten Ton finden.

Dann sagte er: „Armeö Kind"! strich ihr wohlwollend die Wange und verstummte wieder. Beide gingen schweigend neben­einander, Marie hatte sich ausgesprochen und suchte nun ihren Thränen Einhalt zu thun.

Nach einer Weile begann er von Neuem; „Wenn Du dem Menschen, der so vieles Leiden über Dich gebracht hat, doch vergelten könntest — nicht war?

Sie verstand ihn nicht und fragte, ihr Auge aus ihn rich­tend, was er meine.

Er blickte ihr tief in das Ange. „Ich meine, ob Du nicht wünschest, dem Elenden, welchen: Du dieses Unglück verdankst, recht viel Böses anzuthun ? Du mußt ihn bitter hassen".

„Ich — ? Sie denken, ich bin recht schlecht, gnädiger Herr".