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Der Wanderer.

lciblatt jnr

Allgemeinen Zeitnng.

Ar. 167.

Sonntag -en is. Luti

MM.

Der Bauernfänger.

Erzählung von Bernd v. Guseck.

(Fortsetzung.)

IV.

Marie wartete mit Schmerzen auf ihren Vater. Sie war schon einmal nach dem Hause des Grafen Reichenau gelaufen und hatte dort von dem alten Kutscher Lorenz, der auch aus Oberhermsdorf gebürtig war, gehört, daß die Geschäfte auf dem Stadtgerichte nicht so schnell abzumachen seien; so stand sie nun vor der Hausthüre des kleinen Gasthofes, in wel­chem sie eingekehrt waren, hatte die Hände in die Seite ge­stemmt und wunderte sich, wie sie fast von jedem Vorüberge­henden angegafft wurde. Wer dies freche Anstarren in gro­ßen Städten nicht kennt, kann sich freilich darüber wundern, — da kann man auch von Frauen erleben, daß sie ihre Au­gen oft in wildfremde Männeraugen versenken und es sind nicht immer schlechte Personen, sondern sie thun es wie ein Spiel zum Zeitvertreibe, um sich die langweiligen Gänge durch die endlosen Straßen zu verkürzen. Marie aber mußte die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, auch wenn ihre provinzielle Tracht nicht gewesen wäre, denn sie war zu hübsch, um über­sehen zu werden. Ihre Figur allerdings, eher klein als groß, war durch die Kleidung nicht eben Vortheilhaft hervorgchoben, aber ihr Kopf, den sie frei trug, wie wir wissen, zog alle Blicke an — ein so feines, blühendes Gesichtchen, mit großen, leuchtenden Augen und einem Munde, zwischen dessen Lippen vom frischesten Roth die klarweißen Zähne blinkten, wie kam dies reizende Gesicht, das in anderer Umgebung jeden Sa­lon geschmückt hätte, in die gemeine Banerntracht? Ein Paar und gerade recht anständig gekleidete Herren hatten sie halb­laut angeredet und ihr Schmeicheleien zugeflüstert, über welche sie hatte lachen müssen — sieh! dort kommen endlich ihre bei­den Verwandten.

Nun gab es eine lebhafte Unterhaltung im „schlä'schen" Dialecte, welche den Umstehenden, denn die drei blieben nicht allein, fast ganz unverständlich war. Unsere Leser, die zum größten Theile diese provinzielle Mundart auch nicht verstehen wurden, haben wir bisher damit verschont und die Worte der

ehrlichen Landleute lieber im Hochdeutschen wiedergegeben, denn wir sind der Meinung, daß wir damit den Meisten einen Ge­fallen thun. Man will ja doch lesen und nicht errathen, was da steht.

Ueber den Anfall im Thiergarten gerieth, wie billig, der gewesene Cuirassier in großen Zorn und ließ sich von seiner Braut das Signalement des frechen Buben so genau geben, als sei er bei der Polizei angestellt und nicht als Reitknecht, beim Grafen von Reichenau. „Wenn ich Dem einmal be­gegne!" sagte er drohend. Vater Martin rieth ihm, alle un­nützen Händel zu unterlassen, es sei der Marie ja nichts ge­schehen und sie käme wohl ihr Lebtage nicht wieder nach Ber­lin. Darauf wurde beschlossen, noch einmal insgesammt zur „Herrschaft" zu gehen, um ihr Lebewohl zu sagen und Be­stellungen nach Oberhermsdorf mitzunehmen. Für das Essen danken sie.

Der Graf war nicht zu Hanse, aber seine Schwester ließ die Leute vor und unterhielt sich eine Weile freundlich mit ihnen. Sie kannte Bibers Marie schon, die auch im Dorfe wegen ihres hübschen Aeußern und ansprechenden Wesens nicht unbemerkt blieb und fragte sie, ob sie nicht auch zu ihr ziehen wolle, als Hausmädchen. Marie schlug die Augen nie­der, in Josephs Gesicht ging eine helle Freude auf, aber Vater Martin dämpfte sie schnell: „Verzeih'» Jhro Gnaden! Wenn der Joseph drei Jahre gedient hat und die gnädige Herrschaft mit ihm zufrieden ist, sollen sich die Beiden hei- rathen — und da geht's haldig nicht, daß die Marie hier bleibt".

Die Gräfin hatte vielleicht andere Ansichten, denn sie lächelte, aber sie wandte weiter nichts ein und entließ sie mit einigen kleinen Aufträgen. „In Zeit von vier oder sechs Wochen kommen wir nach", sagte sie beim Abschiede, Das war die gewöhnliche Zeit, in welcher sie ihr Gut zu be­suchen pflegten, manchmal, wenn sie sonst keine Reise vor hatten, um dort den ganzen Sommer zuzubringe».

„Sagen Sie nur dem gnädigen Herrn Grafen, daß uns kein Bauernfänger begegnet ist", erlaubte sich der Alte noch zu äußern. Das Wort hatte offenbar ein großes In- tereffe für ihn. Auf der Treppe und während des Rückwege-