Er trat nun langsam hervor. Eine Städterin hätte vor Schreck laut aufgeschrieen, wenn sie beim Umschauen diese abscheuliche Figur erblickt hätte, das Landmädchen erschrack sich wohl auch etwas, aber sie war von Natur zu herzhaft, um sich zu fürchten und sah den Nahenden nur mit ihren großen braunen Augen fragend an. In dem Gesichte des Mannes ging eine merkwürdige Veränderung vor, als sich das junge Mädchen nach ihm umkehrte, bisher hatte er nur mit seinen gläsernen Augen nach ihren Ohrringen und der silbernen Kette gestiert, jetzt nahmen seine verlaufenen Züge eine widrige Freundlichkeit an.
„Guten Morgen, schönstes Kind", sagte er mit einer heiseren Stimme.
Sie erwiderte den Gruß und sah wieder vor sich hin, da der fremde Mann sie nichts anging.
„Rücken Sie 'n Bischen zu, die Bank langt für uns Beide", sagte er und wollte sich neben sie setzen. Aber sie stand auf und erwiderte: „Ich muß gehen — es ist wohl schon spät".
„Ja, eine Uhr habe ich nicht, aber dessentwegen können Sie immer noch hier bleiben — Sie werden mich doch nicht beleidigen wollen? Setzen Sie sich stille wieder her, ich thue Ihnen nichts".
„O das glaub ich", versetzte das Mädchen, schon im Fort- gehen. „Ich fürchte mich nicht vor ihm".
(Fortsetzung folgt.)
Aus der Militârgrcnze. Ein Spaziergang nach Bosnien.
(Fortsetzung.)
So unfreundlich auch meine Lage war, so behauptete doch mein erschöpfter Körper sein Recht auf Erholung, und obgleich etwas aufgeregt vom ungewöhnlich starken schwarzen Kaffee, entschlief ich endlich gegen Mitternacht, um erst bei weit vorgerücktem Morgen wieder zu erwachen. DieMehana war bereits geöffnet, meine Hausgenossen reckten die Glieder, daß Feuer loderte wieder und der Kaffee sott bereits.
Ich sah mich nach den Passagieren um. In der einen Ecke saß ein Jude aus Sarajewo auf seinen Fersen und wackelte ununterbrochen mit dem Haupte und küßte die Enken des Riemens, den er um die Stirn gelegt hatte; er verrichtete sein Morgcngebet. Nicht weit von ihm zählte ein sehr stämmiger Mann in rothem Seresanermantel an den Fingern herum. Es war ein Seresaner, der eine Heerde Ziegenböcke zum Verkauf nach Travnik getrieben hatte, von welchen Thieren ihm außer einem namhaften Gewinn auch der unverkennbare Ge.uch geblieben war. An der andern Wand lagen ein paar zerlumpte BoSniaken, ihrem Aussehen nach Bettler
oder Dichtreiber. Zunächst dem Eingänge mir gegenüber war ein junger Mensch von etwa zwanzig Jahren beschäftigt, seine Pistolen zu untersuchen. Sein Aussehen war ein sehr trotziges, entschlossenes, sein Anzug besser als der aller Bosniaken, die ich noch gesehen. Er schien ein reisender junger Kaufmann. Als er bemerkte, daß ich ihm mehr Aufmerksamkeit schenkte als den andern, legte er die Pistolen aus der Hand, zog ein Schreibtäfelchen hervor und that, als schriebe er. Ich merkte, daß ihm meine Aufmerksamkeit unbequem war, und verließ die Mehana.
Vor dieser harrte meiner eine ganz seltsame Huldigung. Ein Haufe gelbsuchtgetünchter, fieberaufgedunsener Gesichter machte Spalier; auch fehlte es nicht an Einäugigen, Hinkenden, Wassersüchtigen und Krüppeln allen Kalibers. Mein baarfü- ßiger Führer von gestern stand an der Spitze dieser Empfangsdeputation und erklärte mir, alle diese Leute wünschten nichts mehr und nichts weniger, als daß ich ihnen helfen solle.
Nun begann ein Jammern und ein Wehklagen, ein Erzählen von Schmerzens- und Leidensgeschichten, ein Bitten und Flehen, ein Weinen und Lärmen, daß ich gar nicht zu Athem kommen konnte. Alle schrien durch einander, seder wollte zuerst gehört, zuerst geheilt sein; jeder versicherte, sein Leiden sei das größte, er bedürfe der Hülfe am dringendsten, wenn ich leicht wolle, daß er auf der Stelle sterbe. Vergeblich suchte ihnen mein Führer von gestern begreiflich zu machen, daß ich nur Einen nach dem Andern hören könne; sein Bemühen, eine gewisse Ordnung herzustcllen, war fruchtlos. Da erklärte ich, mich in die Mehana zurückziehen und Niemanden rathen zu wollen, wenn sie sich nicht beruhigten und den Anordnungen des Mannes, der sie hieher gebracht, fügten. Das half, und nun begann ein Consultiren und Or- diniren, das meine ganze Handapotheke aufzehrte und erst ein Ende nahm, als es Mittag wurde und ich die Leute überzeugte, daß mein ganzer Vorrath von Medikamenten zu Ende sei.
Aber auch das hätte mir die Siechen noch nicht vom Leibe geschafft, wenn nicht plötzlich ein Junge schweißtriefend und staubbedeckt die Ankunft des Pascha verkündigt hätte. Auf diese Nachricht stoben die Kranken wie Spreu vor dem Winde auseinander, um die Mehana aber versammelten sich die Vornehmsten des Dorfes, in Holzschuhen und ohne solche, mit Turbans und mit Festen, in Pelzen und in Mänteln, und auch halb nackt. Man rauchte, man schrie, man trank Kaffee, da wurde endlich eine Staubwolke sichtbar, die sich immer näher wälzte. Bald kamen im Galopp einige blau und roth gekeidete Sklaven herbei, die mit langen Peitschen unter das Volk schlugen und so den Platz vor der Mehana räumten. Meine Wenigkeit nahm der Spahi, der außer dem
