Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur
gem. Zeitung.
No. 150. Dienstag den 29. Juni 1852.
Die Königin der Nacht
Roman von Levin Schücking.
(Fortsetzung.)
Sei ruhig, Manuela, fiel Alonso ihr in die Rede und senkte einen scharfen prüfenden Blick in ihre Augen. Er fühlte, daß es gefährlich sei, sie in dieser Aufregung zu lassen: er durfte nicht zugeben, daß Manuela sich zur Beschützerin Maximilians aufwerfe, daß sie plötzlich ihren Gedanken, welche bisher nur Anklagen gegen ihn enthalten hatten, eine Wendung gebe, in welcher sie auf seine Seite trat, oder sich in befreundetem Sinne mit ihm beschäftige. DaS war ein viel zu gefährliches Spiel für ein noch lange nicht bezähmtes und zu völliger Unterwerfung gebrachtes, leidenschaftliches Herz, wie das Manuela'S.
Also du schwörst mir bei dem Andenken unseres Vaters, bei der Ehre unseres Hauses, bei allen Heiligen Gol> teS, daß du Maximilian nicht aufsuchen, daß du ihm keine Sylbe von deiner oder meiner Anwesenheit hier sagen oder sagen lassen oder auch nur schreiben willst — du schwörst mir daS, Alonso?
Bei der Ehre unseres HauseS, Manuela, ich werde nichts von dem thun, waS du eben gesagt hast. Nein, nein; ich will gleich zum Baron hinübergehen und ihn bitten, morgen am späten Abend unS einen Wagen bereit zu halten, mit dem wir abreisen können. Er mag ihn an einer verborgenen Stelle des ParkeS halten lassen, wo Niemand unS sieht.
Alonso ging in der That, um eine Unterredung mit Ruprecht Mildenfurth zu suchen. Der Schloßherr war voll freundlicher Zuvorkommenheit und theilte ihm unter Anderm mit, daß sein Brief an Manuela unglücklicherweise in Maximilians Hände gefallen sei, und welche Auslegung derselbe diesen Zeilen gegeben.
3n seiner Freude über Alonso'S stauenSwerthe Willfährigkeit, auf alle Ansprüche seiner Schwester zu verzichten, war Ruprecht Mildenfurth mehrmals im Begriffe, ihm Anerbietungen ähnlicher Art zu machen, wie er sie Manuela gleich nach ihrer Ankunft gemacht hatte; aber so oft er in daS Stolze Auge des Fremden blickte, entfiel ihm der Muth dazu; und so wenig Verschiedenheit der Meinungen und der Wünsche sich iw Verlause ihres Gespräches zwischen den beiden Männern auch herausgestellt hatte —, Ruprecht athmete doch erleichtert auf, als der unheimliche Spanier von ihm ging, um sich in einem der Gastzimmer, welches ihm im alten Baue angewiesen worden, zur Ruhe zu begeben.
Mit der Sonne war Alonso am anderen Morgen auf. Er trat inS Freie, er schweifte in den Umgebungen des Schlosses umher; aber er war verstimmt und unzufrieden über das Versprechen, welches er Manuela hatte ablegen müssen; er ertrug den Gedanken nicht, von diesem Orte scheiden zu müssen, ohne Maximilian, den sein böser Stern ihm so dicht in die Nähe gebracht hatte, irgend ein unheilvolles Andenken zurück zu lassen.
Während er so sinnend umherschweifte, ließ der Zufall ihn Maximilian finden- DaS war keine Verletzung seines SchwurèS : er hatte nur versprochen, ihn nicht suchen zu wollen. Eben so hatte er gelobt, nicht durch Wort oder Schrift Manuela'S Dasein zu verrathen: blieb ihm nicht noch das Bild? Dieser Gedanke durchkreuzte seinen Kopf und im Augenblicke stand sein Plan fest.
Don Alonso stellte sich als Nekromanten und gab ausschweifende, die Neugier spannende Verheißungen, er schloß sich auf gut Glück an, alS Marimilian und Margarethe sich nach BurSbeck begaben; in der Wohnung WennemarS fand er Aquarellfarben, einige optische Gläser; der dienstfertige Chronist mußte ihm einen auf dem
