Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
No. 149. Sonntag den 27. Juni 1852.
Die Königin der Wacht
Roman von Levin Schücking.
lF o r t s e tzar n g.i
Manuela war mit Amalgunden, mit welcher allein sie sich zu besprechen einwilligte, bald über DaS, was ihr einzig zu thun übrig bleibe, einig.
Nachdem sie ihre Fassung wieder erlangt hatte, schrieb sie an ihren Bruder jenen Brief, den wir oben schon mit» theilten,
Rupecht Mildenfurth gab zu gleicher Zeit seinem Administrator am Rhein die ihm nöthig scheinenden Aufträge. Bis der Bruder auS Spanien anlangte, wollte sich Manuela in strengster Abgeschiedenheit in ihrer Wohnung halten. Dem Glücke Marimilian'S wollte sie das eigene opfern, sie wollte wirklich todt für ihn sein. Niemand sollte ihren Namen erfahren, kein sterbliches Wesen in diesem Lande von ihrem Dasein Kunde erhalten. Mit einem Strom von Thränen gelobte sie dieses in Amal- gundenS Hand.
Wie Manuela diese Vorsätze und Versprechungen auSsührte, haben wir früher gesehen. ■ Sie war unvorsichtig. Sie schien die Einsamkeit nicht ertragen zu können und erschien in den Zimmern AmalgundenS; ja, ein paar Mal kam sie zum grüßten Schrecken Ruprechts und seiner Schwester, während Fremde anwesend waren. Sie hatte Amalgunven versprochen, nicht anders ins Freie gehen zu wollen, als in den spätesten Abendstunden, im Dunkel deS Parks und dann in den Knabenanzug verkleidet, den sie sich mitgebracht hatte, um ihn erforderlichen Falles auf der Reife zu tragen. Wir haben gesehen, wie sie dennoch auch in Frauenkleidern vor dem Gärtner und seinem Weibe sich blicken ließ. War dieses Unbedachtsamkeit, Mangel an Vorsicht? Nein, man müßte das menschliche Herz nicht besser kenne», um solches Be
tragen blos dem Leichtsinne Manuela'S zuschreiben z« können.
ES war nichts Anderes, als ein natürlicher, rin in# st.nctartiger Drang ihres Innern, was sie auS der Verborgenheit ans Licht trieb. Der verständigen Auffassung ihrer Lage hatte sie eine volle Genüge gethan, indem sie den Entschluß gefaßt, sich unter die eifer» Hand deS Verhängnisses zu beugen, ihr Glück und ihre Rechte zu opfern; sie hatte entsagt, und damit war Alles geschehen, was die Logik deS Herzens von ihr heischen konnte. Aber nach der Logik kam das Recht, wir möchten sagen: der Metaphysik des Herzens.
ES kam daS Recht der Ahnungen, der Träumereien, die einen anderen AuSgang dieses erschütternden Drama'S sich ausspannen; die Stunden kamen, wo auch sie vergaß, und zwar vergaß, daß sie vergessen schien; wo sie sich hinaus sehnte, ob vielleicht ein Vogel, der draußen über ihr Haupt wegflatterle, an sein Fenster fliegen und ihm Kunde von ihrem Leben bringen werde; ob vielleicht der Zufall, der so râthselhaft über dem Dasein waltet, auch hier, wo der Menschen Weisheit keinen Rath zu geben wußte, eine Lösung ihr in den Weg werfe und eines seiner großen Wunder an ihr thue, mit denen er Lebende wie einen Hauch in die Ewigkeit schleudert und Todte auferweckt, über Bettler Millionen auSschüttet und> Könige tn den Staub tritt.
In diesem fast instictartigen Drange eines weiblichen Gemüthes war Manuela unvorsichtig, und hörte nicht auf, Ruprecht und seiner Schwester Amalgunde das bitterste Herzenleid anzuthun mit ihrer „Launenhaftigkeit", wie diese eS nannten. ES war ein Betragen, welches die beiden Leute jeden Augenblick fürchten ließ, daß Manuela sich eines Anderen besinne, und daher jene Schonung, jene Unterwürfigkeit gegen die Spanierin, welche wir früher belauscht hab.n, und welche um so peinlicher
