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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

No. 144t Dienstag den 22. Juni 1852.

Die Königin -er Nacht.

Roman von Levin Schücking.

(Fortsetzung.)

Ich wollte, eS wäre mein letzter Seufzer! antwortete leise aus grambellommener Brust Manuela — ich würde den Tod als eine Wohlthat hinnehmen, weil er mich aus Deiner tyrannischen Gewalt befreite!

Der Uebergang in die andere Welt muß sehr un­merklich sein, Manuela, versetzte mit ungewöhnlicher Heiterkeit Alonso; du bist schon todt, du weißt eS nur selber noch nicht; und ich gestehe dir, fuhr er in leicht­sinnigem Tone fort, für eine Tobte ist eS sehr unpas­send, Romanzen von unglücklicher Liebe zur Guitarre zu fingen!

Für eine Todte? waS willst du mit diesen Scherzen sagen?

Ja, ja, für eine Todte . . . glaubst du mir nicht, so will ich eS dir schriftlich zeigen: ich komme eben vom Alcaden.

Bei diesen Worten zog Alonso ein Papier auS der Tasche und schlug eS vor Manuela'S Augen auseinander, doch in einer gewissen vorsichtigen Entfernung von ihr. Die Schrift war — Manuela'S Todtenschein r der Alcalde hatte eS mit seiner Unterschrift und dem großen AmtS- fiegrl beglaubigt, daß Donna Maria Manuela Revenga y Santigosa, neunzehn Jahre und fünf Monate alt, Tochter u. s. w. u. s. w., am 3. Mai 184*, Morgens um 4 Uhr, an einem Nervenschlage verschieden sei.

Um GotteS willen, rief Manuela aus, wie ist daS möglich?! Der Alcalde . . .

Der Alcalde hat gethan, waS er thun mußte — ich bin zu ihm gegangen, um ihm die Anzeige von deinem plötzlichen Tode zu machen, und mein Diener und Gil Perez, von allen meinen früheren Schulkameraden in

Motril derjenige, welcher mir am treuesten bei meinen tollen Streichen beigestanden hat, und der keinen Grund sah, an meiner Aussage zu zweifeln, haben mich zum Alcalden begleitet, um mir als Zeugen zu dienen. Siehst du? da stehen ihre Namen!

Manuela wollte das Papier ergreifen, um eS zu vernichten, sie ahnte nur zu gut, wozu eS dienen sollte; aber Alonso hielt daS Dokument triumphirend in die Höhe.

Verknittere mir die Schrift nicht, sagte er, sie muß noch heute auf die Post an deinen Don Masimilian Rosoglio abgehen, noch in dieser Stunde, Manuela; ich habe dem unglücklichen Jünglinge dabei die rührendsten Details über dein christlich erbauliches Ende niederge­schrieben; sein Gesandter in Madrid, an den ich das Blatt adressire, damit eS ja nicht verloren geht, wird es ihm zugleich mit irgend einer StaatS-Depesche über­senden !

DaS ist abscheulich, daS ist ja teuflisch! fuhr Manuela in einer Heftigkeit aus, wie sie noch nie gezeigt hatte.. . wenn du daS thust, Alonso, will ich dich hassen bis zum letzten Athemzuge meines Lebens! ES ist ein vollendeter Schurkenstreich, ein himmelschreiendes Verbrechen . . . o Gott, o Gott im Himmel, welche Verruchtheit!

Beruhige dich, Manuela ... eS ist alles nur zu deinem Besten ... laß ein — zwei Jahre verrinnen, und du wirst eS selbst einsehen, wie dein Bruder für dein Bestes sorgt, du wirst mir von ganzem Herzen für daS danken, waS du jetzt meine Grausamkeit nennst!

Schweig, Verruchter! ich habe mir AlleS von Dir gefallen lassen, ich habe UebermenschlicheS ertragen, aber dieses dulde ich nicht, ich laufe zum Alcalden . . .

Bemühe dich nicht — zum Alcalden werde ich nach einer Sunde meinen Diener senden, um ihm mitzuthei- len, daß du zu meiner unsäglichen Freude nicht gestorben,