Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur
. Zeitung
No. 139. Mittwoch den 16. Juni 1852.
** Die Zigeuner
Jon Alerander Puschkin. Aus dem Russischen im Versmaße des Originales übersetzt von H. L. Schmitt.
(Fortsetzung.)
III.
Der Jüngling blicket tief bewegt
Auf die geräumten Sieppenflächen;
Er waget nicht, sich auszusprechen,
Warum das Herz ihm traurig schläft.
S emfi ren ist er jetzt Gefährte,
Und freier Sohü der weiten Erde;
Hoch mit des Südens reicher Lust
Erglänzen ihm der Sonne Strahlen;
Was hat Aleko doch für Qualen?
Welch stiller Gram füllt sein^ Brust?
Keine Sorge, keine Plage
Kennt das Gottesvögelein;
Bauet nicht auf lange Tage
Sich ein Nest im sichern Hain,
Duckt sich in die Zweige nieder,
Schlummert bis der Morgen winkt;
Tönet Gottes Stimme wieder,
Schüttelt sich's einmal und singt.
Nach des Frühlings reichem Segen
Welkt die Schönheit der Natur;
Sommerschwüle, Schnee und Regen
Senken sich auf Wald und Flur;
Ruh'n des Unmuths finstre Bande
Auf dem Menschenherzen schwer;
Vöglein fliegt in warme Lande Bis zum Frühling über Meer. Sowie das Vöglein sorglos weilet Und wieder freudig weiter eilet, So geht Aleko feine Bahn; Denn keine Arbeit zieht ihn an. Er kennet keine sichern Wände, Ein Lager gibt ihm jede Nacht; Am frühen Morgen aufgewacht, Legt er die Zeit in Gottes Händè; Nichts störet, wie der Tag auch ende,
Des trägen Hèrzens Unbedacht. Zuweilen nur, gleich einem Sterne, Winkt ihm des Ruhmes Zauberkranz Und plötzlich oft, aus weiter Ferne Erscheinen vor ihm Pracht und Glanz. Wenn über ihm die Donner tose». Der Blitz die dunkle Nacht erhellt — Er schläft den Schlaf, den sorgenlosen, Frei unterin lichten Sternenzelt. So lebt er, daß er sich verhehle Des türkisch-blinden Schicksals Kraft; Und doch, o Gott! war seine Seele Ein leichtes Spiel der Leidenschaft. Wie tobte doch in seinem Herzen Der brennenden Gefühle Macht! Jst'S lange, daß fie ruhn die Schmerzen? Sie wachen auf, gib Acht, gib Acht!
IV.
Seinfi r e.
O sage Freund, was Du für immer Aufgabest, hast Du's nie bereut?
Aleko.
Aufgabest? Was?
Semfire.
Je nun, den Schimnier Der Stadt und ihre Festlichkeii.
Aleko.
Wozu bereu'» ? Daß in der Nähe Nur einmal doch dein Auge sähe Des dumpfen Städters Sclaverei! Die Mauern bergen ihn wie Grüfte, Er athmet nicht des Morgens Lüfte Und nicht der Wiesen Duft im Mai. Du säh'st, wie er sich schämt der Liebe, Wie er vor Götzen niederfällt;
Wie er der freien Seele Triebe Verkauft für Ketten und für Geld.
