Der Wanderer.
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BelletriMches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
No. 136. Samstag den 12. Juni 1852.
Die Königin der Stacht.
Roman von Levin Schücking.
(Fortsetzung.)
Manuela liebte ihren Bruder, aber sie fürchte ihn »och mehr; deßhalb nachdem sie siebenzehn Jahre alt ge« worden, kostete eS ihr keinen schweren Einschluß, ihre Hand als Zeichen der Einwilligung in die Rechte der Donna Sancha zu legen, als diese würdige Matrone ihr den Vorschlag machte, daS kleine blanke Landhaus oben vor der Stadt mit dem wortkargen Don Giuseppe Ribeyra II, darin zu verlasse» und die heißen Wünsche ihres Sohnes Ramon zu krönen, der eben von Madrid zurück erwartet wurde, wo er sich ein Patent als Unter# Schiffslieutenant aus dem Marine - Ministerium geholt hatte.
Manuela fragte sich nicht, ob sie Roman liebe sie hätte sich schwerlich ganz genau Rechenschaft darüber geben können. Aber sie kannte ihn von frühester Jugend auf als daS ehrlichste Gemüth unter der Sonne; er war hübsch, muthig, gewandt, ein rechter Vollblut-Andalusier, ter mit unvergleichlicher Grazie die gaditanische Cachucha tanzte und dem die Marine Kadetten Uniform, in welcher er unlängst von seiner ersten Seereise aus der Havannah jurückgekommen war, unvergleichlich stand. Auch hatte er allerliebst zu plaudern gewußt von seinen Abenteuern in der Ferne: und Manuela liebte die Ferne, nichts so sehr, als die Ferne; sie hätte die Welt durchschweifen mögen, und schon als Kind hatte sie, wenn sie auf einer der Terrassen ihres Landhauses träumend im Schatten her riesigen Bananenstaude satz, den Adler beneidet, der mit stillem Flügelschlag über die Sierra weg segelte, die phantastische Scheidewand zwischen Andalusien und dem übrigen Spanien, zwischen La tierra de los ombres y la tierra de Dios . . . oder den Maulthierzug, der wie im
Traume über den Abgründen und am Fuße blaurother Bergesstirnen in den Arzur des Himmels hinein schwebte; oder die weißen Segel der Schiffe, welche über des grân, zenlosen Meeres aufblitzten, wie Flügel weißer Tauben in sonniger Luft, und lautlos dahin in die Unendlichkeit zogen. Sie alle trieb eS in die Ferne, und Manuela'». Sehnsucht zog ihnen nach.
So wäre denn wahrscheinlich Manuela die Gattin deS jungen Ramon geworden, hätte diese Angelegenheit nicht eine ganz andere Wendung genommen in dem Au« genblicke, in welchem sie Don Alonso, dem Bruder und Vormund, eröffnet wurde. Der Sohn Don Rafael Re« venga'S verweigerte nämlich mit zorniger Bestimmtheit seine Einwilligung. Und nicht daS allein, er suchte eine Unterredung unter vier Augen mit dem jungen Seemanne, in welcher er diesem seinen Widerwillen gegen eine Ver« heiraihung Manuela'S so nachdrücklich zu verstehen gab, daß der unglückliche Ramon sein Bündel zu schnüren vorzog und sich auf sein Schiff, die „Donna Maria Pache- ca", von 42 Kanonen, die den Befehl halte, nach Westindien zu segeln, in Sicherheit brachte.
Manuela blieb zurück, trauernd wohl, aber ohne daß die tieferen Gefühle ihres Herzens dabei inS Spiel gezogen wären. Alonso aber freute sich seines leichten Sieges, der sein Herrscher-Bewußtsein steigerte; denn hatte er früher schon sie als sein Eigenthum betrachtet, so fühlte er jetzt sich vollends als den Richter über ihr Loos und ihr Verhängniß. Verhältnisse dieser Art, in welchem ein Wesen sich eineS anderen mit einer despotischen Gewalt bemächtigt und sich zu seiner Vorsehung aufwirft, .find bis jetzt von Sittenmalern und Charakterschilverern nicht oft der Beobachtung unterworfen worden, und dennoch find ste keineswegs selten. In Alonso war eS die Combination von Egoismus und Herrschsucht — eS war die Scheu vor einem ganz vereinsamten Leben — denn Ma-
