Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem.
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No. 135. Freitag den 11. Juni 1852.
Die Königin der Stacht.
Roman von Levin Schücking.
(Fortsetzung.)
Don Rafael stammte, wie er behauptete, auS einer Nebenlinie jenes alten stolzen HauseS der Manriquez, welches die Devise führte: Nos no descendemos de los reyes, sino los Reyes descenden de nos, und so ein gesteigertes Selbstgefühl zur Schau trug, welches selbst der Rohan hochmüthigeS: Roi ne puix, prince ne daigne, Rohon je suis, verdunkelte. Unser Castilianer war Wittwer, aber seine verstorbene Gemahlin hatte ihm, statt anderer Schätze, zwei begabte Kinder hinterlassen, zwe, Gegenstände, welche nach seinem Stammbaume seinem Herzen am nächsten standen, einen Sohn und eine Tochter; und in der That , wie konnten sie anders als die Herzensfreude eines so würdigen alten Edelmannes sein — der schweigsame Trotzkops Alonso, der sich täglich mit seinen Schulkameraden raufte und ihnen aufs boshafteste Rotier in den Schädel schlug, wenn sie die Überlegenheit seiner „Signage" über alle Hidalgoschaft von Motril nicht anerkennen wollten und seinen darauf gegründetes Herrschergelüsten sich zu beugen verweigerten: fund die unmuthige Manuela, die fünfzehn Jahre jünger .war als ihr Bruder, aber schon im zartesten Alter sich zu einer sol chen Schönheit zu entfalten versprach, daß Don Rafael im Geiste bereits die Blüthe der spanischen Grandezza, die Stammhalter aller Zweige deS HauseS Manriquez Wit eingeschlossen, nächtlich vor seiner Villa Ialousieen boll LiebeSquai die Guitarre schlagen und zum Schluffe "ach den girrenden Tanbenliedern sich einander die Hälse brechen sah. . . natürlich ohne Dank für daS Eine wie bas Andere, denn fein edler Sohn Alonso war ja da — so wachsam und eifrig seines HauseS und seiner Schwester ^hre zu hüten, wie Don Gutiere Alfonso Solis, der Mutige „Arzt seiner eigenen Ehre".
Manuela hielt, was sie versprochen ; daS junge Mädchen blühte zu einer so schlanken, blumenhaften Gestalt auf, die frischen rosigen Züge hatten etwas so hinreißend AnmuthigeS, daß auf sie die sagenhaften Schönheiten der Alhambra-Mâhrchen hätten eifersüchtig werden können, und daß ein Strahl der großen Mohrenzeit, ein Klan^ wie Zaraya oder Lindarara mit ihr in die schwermuths- volle Gegenwart deS schönen Boabdil-ErbeS gefallen schien. Daß jedoch deßhalb daS Thal des Quadalfeo nur die Heerstraße von Belez Malaga nach Moiril sich mit dem jungen Nachwuchs der spanischen Granvenschaft in höherem Maße als früher bevölkert hätten. ist zu keiner Zeit wahrgenommen worden, und Don Rafael Revenga würde vor seinem Ende ein gutes Theil seiner Hoffnungen auf den durch eine hohe Alliance wieder ausübenden Glanz seines HauseS haben schwinden sehen, wenn er nicht vor» gezogen hätte, noch bevor Manuela erwachsen war, diese auS den Fugen gehende, den BilanoS zugefallene Welt schweigend zu verlassen und sich zu seinen klügern Bâtern zu versammeln, welche vor ihm den weisen Entschluß gefaßt hatten, sich vor den Rücksichtslosigkeiten einer plebejisch gewordenen Gesellschaft und weiteren Verkennungen ihrer Würde in daS unerschütterliche Otium cum digni- tate ihres wappengeschmückten Erbbegräbnisses zurück zu ziehen. *e
An des Vaters Stelle, Manuela gegenüber, trat der Bruder, uud Don Alonso nahm die Ausübung der Prärogativen, welche die väterliche Gewalt verleiht, in vollem Maße über sich. ES war ein eigenthümlich düsterer Charakter, dieser Alonso, verschlossen, reizbar und gegen die Welt verstimmt, als wenn die Welt eine besondere Schuld gegen ihn auf dem Gewissen habe — während doch eigenlich ganz daS Umgekehrte der Fall war, die Welt sich weit eher über ihn zu beklagen gehabt hätte — die Narben auf den Schädeln seiner Jugend-
