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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

No. 133. Mittwoch den 9. Juni 1852.

Die Königin der Stacht

Roman von Levin Schücking.

(Fortsetzung.)

DaS frische Windesrauschen und die Heftigischüttelnde Bewegungen thaten Maximilian wohl; sie beruhigten etwas das furchtbare Hämmern in seiner Brust, welches so stark war, daß er feine Halsbinde hatte fortschleudern müssen, um nicht zu ersticken. Obwohl sein Renner die Wegstrecken zu verschlingen schien, war eS ihm doch, als sei die Strecke von BurSbeck nach Mildenfurth an Länge verzehnfacht, und als er dann endlich den Eingang zu der großen Eichen-Allee erreicht hatte, da fand er oben­drein noch hier daS Gitterthor verriegelt — er hätte verzweifeln mögen über dieses Hemmniß. DaS Gitter­thor war in Mauern eingesetzt, die rechts und links sich an hohe, um den Park und die Gärten laufende Dor­nenhecken schlossen.

Maximilian mußte sich entschließen, über eine solche Hecke zu klettern; er that eS — in wenig Augenblicken — aber er kam auf dem Boden jenseits mit blutender Stirn und blutenden Händen an. Jetzt war nur die Allee noch zu durcheilen — daS Gitterthor vor dem in­neren Schloßhofe von Mildenfurth stand offen, er eilte hindurch zur Brücke, die in der Freiin Amalgunde Woh­nung führte — eben war der alte Diener hier auf die Schwelle der Thür getreten, um sie zu schließen; Maxi­milian schob ihn bei Seite, ohne auf seine Ausbrüche von Verwunderung und Schrecken zu antworten und flog die Treppen zu Tante AmalgundenS Zimmer hinan.

Gott Dank, er kannte jeden Winkel in diesem Hause, er hätte sonst auf den düsteren Treppen-Absätzen und auf den Vorsätzen sich den fropf einrennen müssen. AlS er die Flügelthür weit auswarf und in das Zimmer stürmte, wie hineingeschleudert, stießen der Freiherr Ruprecht und

seine Schwester, die beide wegen deS ungewöhnlichen Ge­räusches gespannt die Augen der Thür zugewandt hatten, fast zusammen einen lauten Schrei deS Entsetzens auS.

Maximilian! — Sei ruhig, Amalgunde, eS ist Maximilian! rief der Freiherr von Mildenfurth, trat fei­nem Neffen entgegen und schrie, während er fest seinen Arm umklammerte:

Mensch! waS ist dir? was willst du?!!

Amalgunde fiel mit geschloffenen Augen in den'Sessel zurück; der Anblick ihres Neffen mit offener Brust, mit flatternden Haaren, mit blutigen Striemen über der Stirn hatte sie in eine Ohnmacht gebracht.

Oheim, lassen Sie mich! ries Maximilian weiter drängend auS, lassen Sie mich, oder ich werfe Sie über den Hausen — in den alten Bau will ich, zu Manuela will ich, ich will sehen, ob sie lebt oder ob ein Blendwerk der Hölle sein Spiel mit mir treibt.

Ha, so hast du eS dennoch erfahren! sagte mit den Zähnen knirschend Ruprecht Mildenfurth und schleuderte den Arm seines Neffen, den er gefaßt hielt, weit von sich fort, als wolle er seine Wuth dadurch auSdrücken — ja, sie lebt, sie lebt, deine Manuela!

ES wäre unmöglich, den Hohn und die tiefe/Bitter- keit, womit der alte Edelmann diese Worte; deine Ma­nuela! auSsprach, wiederzugeben!

Maximilian ergriff einen Leuchter mit brennendem Licht vom Tische, und dann verschwand er durch die Thür, durch welche wir am gestrigen Abende den geheimnißvollen Plagegeist der beiden alten Leute eintreten sahen. Er eilte über einen langen Corridor, bann über eine kleine Treppe in einen schmalen Gang, dessen Gebälke unter seinen raschen Schritten ächzte — eS war die Seufzerbrücke, welche auS AmalgundenS Gemächern in die deS alten Baues hinüber führte. Noch eine Galerie, worin der Schein der flackernden Kerze über eine Schar dunkler, wie