Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. 1
No. 130. Samstag den 5. Juni 1852.
------------ —-Masse !WW>»~------—
Die Königin der Macht.
Roman von Levin Schücking.
(Fortsetzung.)
Die Blenden der Fenster waren dicht geschlossen, nur die eine war so weit geöffnet , daß eine durstige Dämme, rung von Licht in den Raum fiel. In diesem blaufahlen dünnen Lichte sah Mar von Rauschenloo Anfangs nichts als den unheimlichen und — wie ihm jetzt schien — todtenblassen Kops deS Spaniers, mit seinem hohen, spitzen, kurzgeschorenen Schädel und seinen stahlscharfen Zügen. Hinter ihm deckte ein in schweren Falten niedersallender Vorhang die Alkoventhür; rings an den Wänden umher tauchten nach und nach in dem Maße, wie die Augen sich an die Dunkelheit gewöhnten, allerlei fremdartige Gestal- len und Formen in bizarren Umrissen auf; es waren die zahlreichen Gegenstände und Werkzeuge, welche der wackere Haus-Chronist bei seinen geheimen alchymistischen An, Krengungen um den Stein der Weisen und daS „philosophische Werk" zu Hilfe rief.
Als die beiden Männer eintraten, legte der Spanier »m Finger auf die Lippen. Dann nahte er sich Mari. Mian, legte seine Hand auf die Schulter deS jungen Mannes und führte ihn an die Stelle, etwa zwei Schritte von dem Vorhang entfernt, wo er auf den Boden deu- lete. Marimilian erkannte, daß er innerhalb eines mit starken Kreidestrichen gezeichneten Kreises stand, der von Magischen Figuren gebildet wurde.
Bleiben Sie hier stehen, ohne sich zu regen, flüsterte Don Henriquez Valderrama, lassen Sie kein Wort über Ihre Lippen kommen und überschreiten Sie diesen Kreis dicht ohne mich! —Dann setzte er in spanischer Sprache hinzu:
Genehmigen Sie, daß Ihr kleiner Freund, der kleine Senhor dort, zugegen bleibt und Zeuge dessen ist, waS Ihnen der Hohlspiegel zeigen wird?
ES wäre zu grausam, ihm die Lösung des Geheimnisses, das Sie uns enträthseln 'wollen, vorzuenthalten . . . und waS Sie und aus meiner Vergangenheit zei« gen werben, daS — fuhr Maximilian mit einem gewissen Stolze fort — Dars mein guter Freund Wennemar sehen.
Wie Sie wollen! antwortete Don Hariquez Valderrama und führte nun auch den vor Aufregung zitternden Wennemar in den Kreis, empfahl ihm dasselbe, was er Maximilian geboten, und ging, den noch offen gebliebenen Theil der einen Fensterblende zu schließen. Die tiefste Finsterniß herrschte jetzt. Kein Laut wurde mehr vernehmbar. Der Magnetiseur schien sich aus dem Gemache entfernt zu haben und hinter dem Vorhang verschwunden zu sein.
Nach einer Pause wurde ein leises Rauschen wie eines Stoffes hörbar; ein rother Lichtstrahl fiel den Harrenden entgegen und vergrößerte sich in dem Maße, wie die Falten des Vorhangs sich in der Mitte öffneten und nach beiden Seiten hin vor einer runden, nicht großen Glasscheibe zurückschoben, welche Maximilian gerade gegenüber, in der höhe seines AugeS sichtbar wurde; ohne daß er auf der Stelle entdeckt hätte, worein diese Scheibe gefaßt sei und worin sie gehalten werde; denn daS plötzliche Licht hatte ihn geblendet. Gleich darauf jedoch nahm er Umrisse und Farben in oder hinter dem Glase wahr, eS waren Menschen, Häuser, eine ganze Landschaft, die auS einem Nebel auftauchte und sich nach wenig Augenblicken zu einem festen Bilde gebildet hatte.
Maximilian sah eine südliche Landschaft sich vor seinen Augen auSdehnen; er sah sich nach Spanien versetzt. Den Horizont nahmen die rothbraunen, am Fuße bewaldeten, aber oben unbeschreiblich öden Höhen einer GebirgS- Welt ein, die wie eine ausgebrannte und in Schutt versunkene Schöpfung dalag, ein gigantisches ChaoS, auS
