Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
No. 127. Mittwoch den 2. Juni 1852.
Die Königin der Stacht.
Roman von Levin Schücking.
(Fortsetzung.)
SechSteS Capitel.
Der Hohlspiegel.
Margarethe und Maximilian wurden mit einem wahren Jubel in BurSbeck ausgenommen, der alte Raub, ritter versprach sich bei ihrem Anblick ein lustiges, hum- PenklingendeS, die Reihe seiner eintönigen Tage unter* brechendes Fest; Frau von BurSbeck und ihre Töchter aber umringten Margarethen, die für sie ein Muster des guten Geschmacks, ein Spiegel feiner Weltsitte, ein Orakel vollendeter Bildung war, und die sicherlich eine ganze Aldung neuer Dinge, Grundsätze und Wahrheiten auS den Gebieten der Mode, der neuesten Literatur und des allerfrischesten Klatsches bei sich führte! Maximilian, so Viel Anderes ihm auch zu sinnen und zu grübeln übrig geblieben, kam sich nun erst recht wie ein lächerlicher Phantast mit seinem jetzt ganz verschwundenen Argwohn gegen sie vor. Sah er sie doch in ihrer vollen Heiterkeit, wit einer Unbefangenheit, welche deutlich ein ungetrübtes Bewußtsein verrieth , sich unter diesen Leuten bewegen und sich mit der größten Anspruchlosigkeit und Anmuth in den Gedankenkreisen derselben ergehen, ohne nur einen Augenblick eine Ueberlegenheit geltend machen zu wollen, welche für ihre Gesellschaft etwas Drückendes gehabt hätte.
In Einem aber irrte Maximilian. Er tauschte sich sehr, wenn er Margarethen ganz rückhaltlos dem Berühre mit ihren zuvorkommenden Wirthen hingegeben glaubte. Ohne daß er eS ahnte, hielt sie ihn fortwährend im Auge und eS entging ihr keineswegs die Unruhe, die ihn den ganzen Tag hindurch beseelte, hin und her trieb, und oft die zerstreutesten Antworten auf die Reden des
Freiherrn von BurSbeck, welcher nicht von feiner Seite wich, geben ließ.
Wennemar von Waterlapp hatte den Augenblick, wo die Peinigen vollauf damit beschäftigt waren, Marimilian und Margarethen zu begrüßen, schlau benutzt, um möglichst rasch seinen Spanier bei Seite zu bringen und in seine Wohngemâcher zu führen. Er gab ihn für einen Maler aus, der ihm ein altes Bild restaurire und der, um Zeit zu ersparen, nicht zu Tische zu kommen wünsche. Den Tag über verschwand Onkel Wennemar von Zeit zu Zeit, um nach den Bedürfnissen deS arbeitenden Thau« matuegen zu sehen. Gewöhnlich flüsterte er dann bei seiner Rückkehr Maximilian ein paar Worte zu und gab nicht zu verkennende Spuren, daß er in einer überaus heiteren Stimmung, in einer über alle Begriffe angenehmen Aufregung sich befinde.
Was hat denn eigentlich Wennemar? fragte die Schwester des Historiographen, Frau von BurSbeck, endlich aufmerksam aus dieses erregte, trippelnde, unstâte Wesen — er ist ja so vergnügt wie ein Schüler, der morgen zum ersten Mal in die Ferien reist!
O, nichts, antwortete Wennemar, und schwang sich mit einem behenden Sprung aus eine Fensterbank, woraus er die Füßchen anzog und sehr graziös mit den Fersen auf den hölzernen Lambris unten trommelte — gar nichts, liebe Christine — eS freut mich so, daß Maximilian und Margarethe da sind!
Doch, doch, er hat etwas — lachte der Freiherr von BurSbeck — er hat waS im Kopfe!
Ich will's Euch sagen, half Maximilian dem Chronisten aus der Noth — er hat ein Capitel aus seiner HauSchronik fertig, und ich habe bie feierliche Verpflichtung übernommen, heute Abend in seinen Thurm zu kommen und mir von ihm eine halbe Stunde lang verlesen zu lassen.
