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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

No. 123. Donnerstag den 27. Mai 1852.

Die Königin der Nacht.

Roman von Levin Schücking.

(Fortsetzung.)

Fünftes Capitel.

Der Thaumaturg.

Es war in der frühesten Morgenfrühe des folgen.de TageS, die Sonne schien mit Hellen und schon warmen Strahlen in daS grüne Reich unseres alten Bekannten, des Gärtners, und sog ^grausam die Thautropfen ein, welche die milde Nacht segnend über die durstige Pflanzen­welt gesprengt hatte. Martin machte seinen ersten Gang an seinen fleißig gehegten Beeten entlang; er hätte seine Freude haben können an all dem grünen üppigen Wachs­thum rund umher, wären nur nicht die abscheulichen Vögel gewesen: der Wald war zu nahe; die Vögel ver­bitterten Martin daS Leben; die Schoten, die Kirschen, die eben reifenden jungen Birnen — über AlleS fielen sie her, und jetzt, wo er sie verscheucht hatte, saßen sie in den nächsten Zweigen des WalveS und zwitscherten und Pfiffen und gurgelten und glucksten, als ob sie den armen Geplünderten verspotteten und nicht aufhören könnten, über ihn und sein verdrießliches Gesicht zu lachen . . . die Diebe sind immer lustiger als die ehrlichen Leute.

Martin ging bis ans obere Ende deS Gartens, bis da, wo nur der Graben ihn vom alten Bau abtrennte und ein BoSquet begann, daS sich rechts nach dem Parke ^nzog. Die Fenster mit ihren runden bleigefaßten Scheiben in jenem Theile deS Schlosses waren wie immer mit Blenden geschloffen oder dicht verhängt. AlleS war tobt . . .

, Er hatte auch am vorigen Abende den Gesang nicht gehört, im Garten war nichts sichtbar geworden. Plötz- ilch hörte er neben sich daS Gebüsch aufrauschen — er wandte sich erschrocken, ein Arm tauchte, die feuchten

Zweige zur Seite biegend, auS dem BoSquetunterholz her­vor, eine Männergestalt trat aus dem Gesträuche — Martin wich zur Seite, aber gleich darauf zog er freu­dig überrascht seine Mütze.

Ach, gnädiger Herr, Sie find'S — Sie hier? — und schon so früh auf?

Ich bin's, antwortete Maximilian Rauschenloo — er war cd — ich bin gestern Abend gekommen und will jetzt gleich zur Stadt zurück; ich warte nur, bis mein Pferd seinen Morgenhafer verzehrt hat, und unterdeß bin ich durch den Garten spazirt und einmal um den alten Bau herumgegangen ... der alte Bau wird Repara­turen bedürfen, mein Oheim ist etwas nachlässig darin.

Martin sah den jungen Baron mit einem forschenden Blick an, dem Maximilian dadurch auSwich, daß er mit Kennermiene zu dem spitzen Giebel aufschaute.

ES wäre bequem, sagte der Gâtner, wie sondirrnd, wenn bei einer Reparatur eine Brücke und eine Thür unten in dem Baue angebracht würden, welche mir er­laubten, vom Garten auS hinein zu gelangen; eS fehlt mir an Raum für so Manches, Geräthschasten, Dor- räthe, Samen, und in dem Erdgeschoß ist sicherlich Platz vollauf; aber eS ist keine Möglichkeit, hinein zu gelangen.

Und doch ... es muß eine Möglichkeit geben, hinein oder heraus zu gelangen, glaubst du nicht auch, Martin?

Martin sah mit seinen gutmüthigen, aber doch klu­gen Augen den jungen Mann an. Sie hatten sich ver­standen.

Ich glaube, Ihr habt Euch mit allerlei Mährchen Herumgetrieben... Ihr habt dem Herrn von Waterlapp von der Königin der Nacht vorgefabelt...

Martin lächelte. Der Herr von Waterlapp, sagte er mit einer gewissen Moquerie, hatte solch eine große