Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
No. 122. Mittwoch den 26. Mai 1852.
Die Königin der Nacht.
Roman von Levin Schücking.
(Fortsetzung.)
Die Fremde sprach die letzten Worte mit eigenthümlicher Betonung, mit einem gewissen spöttischen Zucken der Mundwinkel, worin etwas von Schmerz, aber auch von boshafter Neckerei lag. Es war augenscheinlich, sie fühlte eine unbegrânzte Gewalt über diese beiden cere- moniösen Menschen — denn auch Baron Ruprecht war ceremoniöö, d. h. er verlangte von Anderen unerbittlich die größte Rücksicht gegen sich, wenn er selbst auch gegen Niemanden in der Welt Rücksichten nahm — und sie fand eine Freude darin, diese Gewalt zu üben. Der Freiherr und seine Schwester waren in einem Kreise von fossilen Vorstellungen ausgewachsen, welche ihrem Denken, Fühlen und Glauben etwas so Sprödes, ihren GeisteS- thâtigkeiten etwas so Schwerfälliges gegeben hatten . . . welche Pein mußte eS für sie sein, wenn dieses launenhafte, übermüthige, alle ihre tiefgewurzelten und heiligen Ueberzeugungen verlachende Wesen an ihren steifen Junkerseelen wie an einer ungefügigen und rostig gewordenen Gliederpuppe zerrte, wenn sie bald dieses, bald jenes Glied mit den Koboldhänden reckte, bald gar mit dem Eylphenfuße auf den stolzen und ungebeugten Köpfen tanzte! Und sie durften nicht einmal schreien bei ihrem Weh, die Armen, nicht einmal fluchen und wettern durfte her unglückliche Baron Ruprecht Mildenfurth; und nur Amalgunde, die, weil sie eine Frau war, feinere Fühl- fâden für die Seelenzustände eines Anderen hatte, genoß den Trost, zu sehen, wie dieses boshaft neckende Geschöpf zu solcher Heiterkeit mit Gewalt zwinge, und wie alle diese Scherze, gesucht, erzwungen, anmuthloS, wohl nichts Anderes seien, als das Ringen und Sichsiräuben
eines Geistes, der im Kampfe mit einem tiefen Schmerze begriffen ist.
Sie wollen nicht spielen, Baronesse? fuhr die Fremde zu Amalgunven gewendet fort ... ich fürchte, Sie sind eifersüchtig aus Ihren Bruder! Und in der That, setzte sie mit einem coquetten Lächeln hinzu, sehen Sie, er glotzt mich yit seinen großen Augen an, als ob er mich damit verzehren wolle.
Der Baron zwang sich zu einem Lächeln, das über sein Gesicht fuhr, alS wenn ein plötzlicher Windstoß einen Weiher aufwühltf, der gleich danach wieder in seine stag- nirende Starrheit fällt.
ES sind offenbare Spuren da, daß ich ihn demoralisire, fuhr daS unerbittliche Mädchen fort: er ist schon so weit gekommen, daß er an mir daS Rauchen eine allerliebste Gewohnheit findet. . . . Permettez!
Mit diesen Worten schwebte die Fremde mit elastischem Schritte durchs Zimmer und zündete an der Parcel« Lampe eine spanische Papier-Cigarcetle an, welche sie bisher zwischen den Fingern gedreht hatte.
Amalgunde warf ihrem Bruder einen unbeschreiblichen Blick voll Entrüstung und voll tiefer Hoffnungslosigkeit zu. Ruprecht antwortete mit einem schmerzlichen Zucken der Achseln und einem surchtbaren Arbeiten seiner löwenhaften Brauen.
Wie viel wiegen Sie, Baron? hub die junge Dame, nachdem sie sich nachlässig in die Sopha-Ecke geworfen, wieder an. Sie müssen ein hübsches Gewicht haben... in England schätzt man die Barone nicht nach der Zahl der Ahnen, sondern nach der Zahl der Cenlner und Pfunde... wenn sie recht viel wiegen, ißt man fiel
In der Brust Ruprecht Mildenfurth'S rollte etwas wie ein unterirdisches Getöse von vulkanischer Natur. Er war gereizt wie daS unglückliche Thier, dem bei den Stiergefechten von seinen Peinigern Widerhaken mit schwir-
