Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
No. 119, Samstag den 22. Mai 1852,
Die Königin der Nacht. No man von Levin Schücking.
(Fortsetzung.)
Nach einer Pause, während welcher Maximilian trotz der peinlichsten Spannung ihn nicht zu unterbrechen wagte, erhob er daS Haupt und rief mit einer Stimme, die darauf loS zu segeln begann, wie ein Dampfer, der frische Kohlen und frischen Wasser Borrath eingenommen hat:
Ja, Maximilian, eS ist ein recht schlechter Spaß, ich glaube, von dem niederträchtigen Wennemar oder einem ähnlichen HanSwurst geht er aus. . . ein Aprilscherz sollte es sein, nichts als ein Aprilscherz; sie haben den Brief in den letzten Tagen dèS Mârz fabri'cirt und dann an einen Freund am Rhein geschickt, daß er dort zu rechter Zeit auf die Post gegeben werde und am ersten April bet dir ankomme... siehst du Junge, daS ist die ganze Geschichte. Der Brief sollte dir am ersten April in die Hände fallen; nun hat, wie daS so geht, der Teufel sein Spiel damit getrieben; der Spießgeselle war vielleicht gar nicht am Rhein anwesend und hat erst jetzt den Brief bekommen und ihn abgeschickt — eS ist ein miserabler Streich .. .
Ist daS wahr, Oheim, ist das wirklich wahr? jauchzte Maximilian auf.
Ich gebe dir meine CavalierSparole, daß dieser Brief nicht an Margarethen gerichtet ist und daß deine Frau niemals von einem Alphonse auch nur reden gehört hat; mein Wort als Edelmann darauf! donnerte der Onkel Ruprecht.
Auf Ruprecht'S Ehrenwort konnte man Häuser bauen. Maximilian hätte seinen Oheim gern umarmt, wenn dieser nur nicht gar so grob gewesen wäre.
Sie geben mir daS Leben wieder, sagte er. Aber Wennemar soll mir für diese Dummheit büßen .. .
..... ...............—
Jetzt geh aber! fuhr der Freiherr von Mildenfurth fort; du bist ja jetzt fertig! ich habe zu thun. Adieu, Mar!
Sie werfen mich ja vollständig zur Thür hinaus! Ich muß doch zuerst Amalgunden begrüßen. Auch ist mein Pferd müde, die Nacht werden Sie mich schon noch in Mildenfurth dulden müssen. Morgen mit dem Frühesten eile ich zu Margarethen zurück und leiste ihr demüthigst Abbitte.
Der Freiherr zeigte bei diesen Worten auf seinem Gesichte von Neuem deutliche Spuren eines mit Schrecken gemischten Unwillens.
Margarethen davon reden? Pinsel, der du bist! Als wenn man die Weiber auf solche Sachen bringen dürfte! DaS grübelt und forscht . . . kein Wort davon an sie, hörst du, Junge! — Nun mache, daß du fort kommst. Tante Amalgunde kannst du nicht sehen, Amalgunde ist krank.
Krank? die gute Tante . . . und woran?
Woran? nun am Gallenfieber, woran anders? . . . man sieht ihr das ja auf drei Meilen WegS an, auch wenn sie ganz gesund ist.
Hören Sie, mein gnädigster Oheim, sagte Mari, milian Rauschenloo, der in der freudig erleichterten Stimmung, in welche er durch die erhaltenen Aufschlüsse versetzt war, sich von einem ungewöhnlichen Uebermaß gestachelt fühlte, hören Sie, mein gnädigster Oheim, ich glaube nicht an daS Gallenfieber . . . weßhalb ich Tante Amalgunde nicht sehen soll, ist auch wieder solch ein kleines Geheimniß — ja, ja, eS gibt allerlei Geheimnisse in Mildenfurth, denen ich auf den Grund kommen muß . . .
Maximilian wußte wohl, als er diese Worte begann, daß er den alten Herrn sofort in den Harnisch bringen werde; die Art von Todesgefahr, die mit diesem Necken
