Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allstem. Zeitung.
No. 118. Donnerstag den 20. Mai 1852.
Die Königin der Nacht
Roman von Levin Schücking.
lF o r t s c tz u n g.)
So oft nämlich eines großen europäischen Potentaten GeburtSfesi oder Namenstag über die feudalen Thürme vom Schloß Mildenfurth emporstieg, verleugnete der un. zugängliche Freiherr feine einsiedlerischen Neigungen; er erhob sich aus seinen inneren Gemächern , und gekleidet nach dem Geschmacke und der Weise deS Herrn, den dar- iustessen er sich die Ehre nahm, sprechend in der Sprache des Hofes, dessen erlauchten Mittelpunct er repräsentiere, trat Ruprecht Mildenfurth auf die dritte Stufe deS Thro^ ncS und nahm die Glückwünsche aller derer entgegen, deren Interesse es erheischte, seinen Ideen nachzugeben, und welche deßhalb dem halsbrechenden Stege trotzten, mit ti<m zu anderer Zeit der Baron den Wunsch, keine über- Essigen Besuche zu empfangen, so deutlich und unum- >vunden auSdrückte.
Es hatten aber diese Repräsentationen so vieler Ma- thäten etwas Königliches über den Schloßherrn von Mildenfurth gebracht. Eine hohe, breite Gestalt, ein mächtiges, sehr gerölheteS Antlitz mit starken schneeweißen Arauen über den großen runden Augen, ein gewaltiger Haarwuchs von grauen Locken, eine Stimme, welche wie ^r Sturmwind, der sich in einer Felsenkluft verfängt, hohl und sonor daherrauschte, das waren die hervortre- "ndsten Eigenschaften deS Gewaltigen, vor dem Mori. "Aian stand.
Welcher unverschämte Schlingel dringt wieder meinen Missen bei mir ein?! donnerte der Onkel Ruprecht . . . “titr auf dieses Forte folgte der AuSrufr
Du, Mar, du hier?
111 """ so völlig veränderten Tonart, so wenig dem frü
heren Brüllen ähnlich, daß Maximilian Rauschenloo ver- wundert seinen Oheim fragte:
Nun ja, lieber Herr Oheim . . . Sie erschrecken darüber?
Erschrecken?! wiederholte der Freiherr, Luft schöpfend, wie jemand, der über einen plötzlich vor ihm niederfah- renden Blitzschlag den Athem verloren hat, — erschrecken?! nein, aber. .. und die Nöthe, die einen Augenblick von seinem Gesichte gewesen war, kehrte voll dahin zurück, und die gewaltigen Lungen zogen Luft ein, wie ein durstiges Dromedar Wasser aus dem Wüstenborn einsaugt, und der Freiherr donnerte:
WaS soll daS bedeuten? Hat man von mir die Erlaubniß, hier szu sein? Hat man nicht morgen seiner Frau Gemahlin Namenstag zu feiern ? Warum läuft man über Land und läßt seine Dame an einem folgen Tage daheim? Heißt das ein Weib verdienen, wie Mar- gareihe....
Lieber gnädiger Oheim, ich wußte nicht, daß Sie so gewaltigen Werth auf Galanterie gegen Damen legen. Lassen Sie unS in Ihr Zimmer treten, ich habe Wichtige» mit Ihnen zu besprechen!
Wichtiges . . . ?
Ja, Wichtiges, und gerade Margareihen, Ihr und aller Welt Idol, betreffend.
WaS ist eS? Nur gleich heraus damit, und sofort dann in die Stadt zurück!
Aber, lieber Onkel, rufen Sie doch nicht so ... . wenn Sie mich denn durchaus zum Hause hinaus werfen wollen, gut, so gehe ich schon. Ich wollte ihnen ankün- digen, daß ich mich von Margarethen werde scheiden lassen. DaS ist All,«. Adieu, Onkel!
Maximilian Rauschenloo wollte sich erzürnt abwenden und alsogleich die Fahrt durchs Fenster wieder an* treten; aber der Freiherr hatte ihn rasch am Arme gefaßt,
