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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. £

No. 117. Mittwoch den 19. Mai 1852.

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Die Königin der Nacht.

Roman^von Levin Schücking.

(Fortsetzung.)

Neben dem RuprechtSbau erhob sich, unvermittelt an ihn angelegt — eS war das Bild eines Ehepaares, von dem Niemand zu sagen weiß, weßhalb eS eigentlich ein Ehepaar ist —, das Corps de Logis, welches Tante Amalgunde bewohnte, im Rccocostpl, zwei Stockwerke hoch, mit Risalits und Mansardendach, ebenfalls mit der Fortsetzung deS erwähnten Grabens umzogen, der sich rechts um den Amalgundenbau herum wandte und so diesen Bautheil von einem dritten trennte, der dadurch ganz isolirt sich erhob — eS war dies der älteste Theil des Ganzen, ein Stück von einem gothischen Burghause.

Am Ende dieses Baues rechts befanden sich jene massiven Thürme mit den glockenartigen Dächern und dem hohen spitzen Giebel dazwischen, deren wir früher erwähn« ten. Links jedoch, nach der Seite des Amalgunden« baueS hin, war die Seite des Bauwerkes einer einzigen offenen Wunde ähnlich: man sah hier deutlich die Spuren eines Abbruches, der dem benachbarten Nococobau hatte Platz schaffen müssen. Von diesem, dem Amalgundenbau, aus, schlug sich eine Brücke odereine Galerie, ein Ding, - von welchem Chronist Wennemar behauptete, daß eS an Vie venetianische Seufzerbrücke erinnere, durch die Luft i" dem „alten Bau" hinüber, der anders keinen sicht^ baren Eingang hatte.

Maximilian von Rauschenloo hatte sein Pferd einem aus den Stallungen herbeteilenden Knechte übergeben; er ^ilte nun in die Wohnung seines Oheims, in den Ru- Prechtsbau. Es war eine nicht leichte Aufgabe, bis zu Vrm Freiherrn zu dringen: wie ein verzaubertes Schloß feine Wohnung jenseit deS düsteren Grabens — keine Brücke, kein Steg führte an das ewig geschlossene Thor.

Aber Maximilian hatte den Schlüssel zu dieser râihselhaf- ten Verschlossenheit . . .

Er wandle sich ganz links im Hose; hier hob sich eine zerbröckelnde Mauer, die sich von dem letzten Neben­gebäude links quer durch den Graben zog; und da die Noth, welche beten lehrt, auch zum Treppenverfertigen ausreichende Anweisung gibt, so hatten sich hier in kunst­losester Weise Stusen und Staffeln hergestellt, über welche unser Freund ohne Anstoß den breiten Kamm der Mauer erkletterte, die, durch den Graben hin, sich an die Ecke des RuprechtSbaueS anschloß.

Mit ruhigen und festen Schritten eilte Maximilian über den wohlbekannten eroberten Steg; als er am Ende desselben angekommen war, fand er zwei Bohlen, die von der Mauer auf die Brüstung deS nächsten Fensters gelegt waren; der LuruS eines Geländers von rohen tannenen Latten zu beiden Seiten dieser Planken flößte hier jedem zaghaften Wanderer Muth ein, schien eS auch weniger um seinetwillen angebracht, als um die musikbe- fliffenen Bewohner deS Grabens unten vor einer plötz­lichen Unterbrechung ihrer Concerte durch einen sallenden Körper zu schützen.

Auf der Brüstung im Fenster angelangt, wagte Maximilian einen herzhaften Sprung und war in der Wohnung seines OheimS. ES war ein langer Corridor, in welchem er sich befand, auf dessen geweißten Wänden die Sonnenstrahlen standen, so hell, so öde, so still, daß man die Fliegen von einem Ende bis zum andern sum­men hören konnte. In der Mitte deS Ganzen befand sich eine Flügelthür; Mar wollte sie aufreißen, aber von innen kam man ihm zuvor — eine Stimme rief hastig:

„Der gnädige Herr sind nicht zu Hause"!

ein grauer Kopf blickte hinter dem einen Flügel der Thür hervor, dann erschien eine ganze Gestalt, ein kleiner alter Mann in grauer HauS-Livree; hinter ihm aber