Der Wanderer.
Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung
No. 115. Sonntag den 16. Mai 1852.
Die Königin der Nacht.
Roman von Levin Schücking.
lF o r t s e tz u n g.)
Es ist etwas vorgefallen in Mildenfurth . . . was, das weiß Niemand . . . Onkel Ruprecht hat sich auch seit einiger Zeil so abgeschlossen, daß Niemand mehr zu ihm dringt, und wenn irgend Jemand in feine erhabene Gegenwart vorgelassen wird, so macht er solch ein Gesicht, daß sich Jedermann und auch der Keckste schönstens hütet, ihn mit Fragen zu belästigen . . . und deine Tante Amalgunde, nun, du weißt, von Fraueneigenfchaftcn besitzt Amalgunde manche nicht, und darunter gehört auch die Gesprächigkeit: sie kann schweigen, wie ein Abgrund, wie die Meerestiefe — es ist zum Verzweifeln — schon zweimal in dieser Woche war ich dort, aber ; ich habe auch nicht daS Allermindeste wahrgenommen.
Wer hat denn etwas wahrgenommen?
Mehrere von unseren Bekannten. Kurt Prallhofen, Bodo Bennstorf, Hedwig Raesfeld ... sie haben ihn alle gesehen; eS ist ein junger Mann, sagt Hedwig Raes- seid, eS ist eine junge Dame, behaupten Kurt und Bodo fein gebaut, wunderbar schön, mit dunklen, blitzenden Augen und einer Haltung so stolz und keck, wie die Feen-Königin Titania . . . und waS das Wunderbarste ^- wenn er oder sie erscheint, so springt dein Onkel Ruprecht vom Sessel auf und verbeugt sich vor ihm oder ihr, wie vor einem überirdischen Wesen, und wird gerade so freundlich und zuvorkommend wie ein Ohr- würmchen.
Das ist allerdings höchst wunderbar, sagte lächelnd Maximilian von Rouschenloo — so habe ich meinen guten Dheim noch nicht erblickt !
Ja, nicht wahr? fiel lebhaft der Historiograph und Alchymist ein, dessen Inneres mehr als Eine noch nicht
ganz verharschte Wunde barg, welche Onkel Ruprecht'S sprüchwörtlich gewordene Unumwundenheit ihm geschlagen . . . nicht wahr, das ist höchst wunderbar, und eben so unglaublich ist AmalgundenS Aufmerksamkeit für den jungen Menschen;, ihr saures, gelbes Gesicht ... du nimmst nicht übel, Maximilian, Amalgunde ist deine Tante, aber . . .
Sauer und gelb ist ihr Gesicht doch, ich gebe eS dir zu, lieber Wennemar, fiel Maximilian ein — also was geschieht damit? . . . sprich, denn in der That, eS ist daS erste Mal, daß ich mich fürAmalgundenS Gesicht intcressire.
Nun, es strahlt von Süßigkeit: um ihren unmuthig sich spitzenden Mund schaukeln sich die Genien der Amöni- tät und Zärtlichkeit . . . Beide aber, Ruprecht und Amalgunde, verwenden kein Auge von dem jungen Menschen, setzen sich neben ihn, flüstern mit ihm, und dann dauert eö nicht lange, bis Tante Amalgunde ihn in eine Fensternische gezogen hat, ihm sehr eifrig etwas zuraunt und unmittelbar darauf ihn unter den Arm faßt und mit ihm abschiebt.
Tante Amalgunde, die einen fremden jungen Men, schen unter den Arm faßt... ich bitte dich, theuerster Wennemar, nimm daS nicht eher in die Chronik auf, als bis du eS selbst gesehen hast!
Maximilian von Rauschenloo und sein Begleiter hatten jetzt eine Stelle deS Weges erreicht, wo eine Gruppe hoher Eichen und Buchen einen reichlich sprudel- den Quell zur Seite der Chaussee mit ihrem Laubdache überschattete. In her Kühle dieses zum Rasten einladenden OrteS hielt der Reiter sein Pferd an, stützte seine Rechte auf die Kruppe deS Thierö, und während sein Fuß nachlässig den Bügel in die Höhe warf und wieder auffing, beugte er sich neugierig zu dem Erzähler nieder.
