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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

No. 110. Dienstag den 11. Mai 1852.

Die Königin der Nacht

Roman von Levin Schücking.

(Fortsetzung.)

AlS sie gegangen waren, warf sich Mar etwas er* «lüdet in feinen Fauteuil, zündete eine spanische Papier- Cigarrette an und ließ unwillkürlich seinen Blick auf einer der zauberischen Landschaften ruhen, welche seine Phan­tasie in die farbenglühende Welt des Südens lockten. Es war als ob ein düsterer Gedanke dabei über feine Stirn ziehe und einen leisen Schatten ihr ausprâgt; aber er verscheuchte rasch diesen Eindruck und änderte geflissentlich zugleich seine Stellung, so daß seine Augen jetzt nicht mehr auf die Scenerie an der Wand, sondern durch das geöffnete Fenster auf das blässere Grün einer deutschen Vegetation, auf die BoSquetstauden und Zierbâume eines kleinen Gartens fielen.

Der junge Freiherr von Rauschenloo war einer der besten Menschen, welche eS gegeben hat, eS war, wie man sagt, kein Tropfen böseS Blut in ihm; und obwohl sein Geist nicht gerade die glänzenden Eigenschaften besaß, welche mit den Vorzügen des Gemüths und des Charac- terö verbunden, die höchste Liebenswürdigkeit Hervorbrin, gen, so waren doch andere Seiten seines Wesens, welche ihn höchst anziehend, für Frauen auch pikant machten. Dazu gehörte vor Allem die große Offenheit und die Kindlichkeit seines Wesens, welche bei einem so auffallend schönen Manne sür Frauen etwas höchst Verführerisches haben mußte. Denn schön war er, er sah auS wie ein wiitelaltriger Ritter, wie ein Sanct Georg, der Drachen- ivdter, wie ein höchst unternehmender Heiliger — und ^ie einen Heiligen hatte ihn daS Schicksal ja auch auf kincn goldenen Grund gestellt.

Sein Glück bei den Frauen hatte ihn nicht im Min­desten verdorben; in jeder Don-Juan-Situation wäre

er selbst unfehlbar weit eher über seine eigene Tugend ge­fallen, als seine Schöne über seine etwaigen Verführungs- Versuche. Seine Stirn war vom Niedrigen und Schlech­ten unentweiht, sein Auge hell geblieben, und damit hing die tiefe Verehrung zusammen, welche er den Frauen widmete.

Wenn er den Schalk machte, wenn er den Roue, Blafirten spielen wollte, wie ihn zuweilen die Eitelkeit stachelte, sobald er unter seinen ausgelassenen Freunden war: es gelang ihm recht herzlich schlecht, und Marga­rethens Mutter hatte ihm auch mit dem rückhaltlosesten Vertrauen ihre Tochter in die Arme gelegt. Er fei ein guter Mensch, sagte die alte Dame, weil er schöner werde, wenn er lachte.

Marimilian lachte und scherzte gern, aber sein Muth­wille war harmlos. Die kleinen Schalkheiten, welche ein vom Glück getragenes Dasein in ihm genährt halte, gin­gen nie über die Gränzen der Anmuth hinaus, und die Anmuth des Witzes und des Scherzes ist der sicherste Höhenmesser des Wohlwollens in einer Menschenseele.

Nur einen Fehler hatte unser Freund: er war ver­wöhnt, über alles Maß verwöhnt — von den Frauen, die er erobert hatte, und von dem Glücke, daS ihn ge­hätschelt hatte. Darin lag die Quelle des großen Le- benSschmerzcS, der, wie wir auf den nachstehenden Blät­tern sehen werden, über sein unglückliches Haupt kommen sollte. Denn dieser große Schmerz trat in sein Leben, weil er eS nicht über sich vermocht hatte, in der rechten Stunde einem kleinen, oder besser nur einer unangeneh­men Empfindung, zu trotzen.

In seinem Verwöhntsein lag auch wohl der Grund einer gewissen gereizten Stimmung, in welcher er jetzt sich befand, ES war ein Gefühl wie von Eifersucht in ihm, von Eifersucht nicht auf irgend einen bestimmten Gegenstand, sondern auf die ganze Welt, die sich um