Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allqem. Zeitung.
No. 103. Sonntag den 2. Mai 1852.
Die Königin -er Nacht
Roman von Levin Schücking.
(Fortsetzung.)
Rechts und links hinter dem Gärtnerhause zog sich der Eichenwald hin; vor Martin dehnte sich die ganze Fläche seines Gartens aus mit einer Welt von Bäumen, Stauden, Beeten, mit den pyramidenförmigen Zwergobstbäu« »men, den feinen Spargelaufschüssen voll rother Beeren, und den sauberen Bureinfassungen der reinlichen Pfade; dem Gärtner gerade gegenüber lag ein stattliches Gitterthor aus kunstreich geschmiedetem Eisen; rechts und links von diesem Thore zogen sich niedrige Gebäude, Stalluntien und Remisen hin, welche nach dem Garten zu keinen AuSgang hatten und deren Mauern mit Spalieren be« deckt waren, und weiter oben schimmerte das Mondlicht durch das Rebenlaub eines langen, dichten Berccau'S.
Das alles lag hell im klarsten Mondschein vor dem Gärtner, aber eben so still war eS rings umher.
Selbst die Mücken, welche am Abend in vollen Schwärmen über den Gießkannen des Gärtners gesummt, hatten sich ihre kleinen Schlafstellen bei dem großen Her« bergvater aller Obdach« und Heimathlosen ausgesucht. Martin hörte weit her die Schritte seines WeibeS auf dem Sande und das Reisigholz in ihrer Schürze knistern, als ihre lichte Gestalt am Saume des dunkeln Waldes entlang zurück kam: eS war ihm wohl umS Herz, als er die hellgekleidete Gestalt, etwas gebückt von ihrer Last, auf sich zufchreiten sah; eS war ihm, als gehe leise sein Glück aus ihn zu. Er hatte die Arme untergeschlagen, Schulter und Kopf an den Thürpfosten gelehnt; so kam eine gewisse Schlaftrunkenheit über ihn, und mit müden Blicken verfolgte er den sonderbar planlosen, trunkenen 8lug einer große Eule, tu völlig unhörbar über ihm
sich hin und her fallen ließ in der Luft, wie ein böseS Geschöpf, dem Gott so gut Schwingen gab, wie den anderen Vögeln, aber daS nicht vorwärts will zum Ziel und zum Lichte, das irrwâhnig in der Nacht taumelt,
Martin fielen die Augen zu bei diesem trunkenen schwindelig machenden Treiben: er gerieth in einen halbwachen Zustand, worin ihm war, als hebe sich leise die große Dachglocke von dem breiten Thurme jenseits deS Gebüsches, auf den er geblickt hatte, in die Höhe und gerathe in langsame Schwingungen und bewege sich stärker und stärker, wie eine Glocke, welche zum Geläute geschwungen wird; und dann war ihm, als wenn der Abendwind die Höchste- Pappel beuge und damit gegen die inneren Wände der Glocke schlage, so daß ein Tönen, ein Geläute entstand, welches einen wunderbar bezaubernden Metallklang, etwas unendlich Süßes und Schwermüthi« geS und HerzbezauberndeS hatte, obwohl eS nur leise, bald anschwellend^bald ganz verwehend herüber scholl.
Martin Dtte eine Weile gelauscht, alö er plötzlich mit einem gellen kreischenden Schrei die Glocke, welche sich eben in Wundertönen gewiegt, zerspringen hörte — eS mußte ein großer klaffender Riß sein ... doch nein die Glocke war eS ja nicht — Martin fuhr erschrocken aus dem Traume eines Halbschlummers auf — sein Weib stand neben ihm und umklammerte mit beiden Händen feinen Arm; sein Weib hatte den Schrei deö Entsetzens auSgestoßen.
Unser Kind! rief sie, unser Kind ist fort!
Sie stand nur einen Augenblick da, einen Augenblick hatte Martin Zeit, während sie ihr Gesicht ihm und dem Mondlichte zuwandte, ihre Todtenblâsse, ihre von der Todesangst entstellten Züge zu sehen — dann eilte sie zurück in die offenstehende Thür, links im Hintergründe deS schmalen HauSgangeS, wo die Schlafkammer lag, hinein.. Martin war mit einem Sprunge neben ihr, sein
