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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

No. 97. Sonntag den 25. April 1852.

Die Flucht.

Nach dem Englischen der MrS. Edward Thomas.

(Fortsetzung.)

Emilie wär Gattin — war Mutter. Sie war mit einem LuruS umgeben, der an Pracht grenzte. Eie war der Abgott deS KreifeS, den sie durch bescheidene, liebens­würdige Grazie verschönerte; aber — sie war nicht glück­lich, nicht einmal zufrieden. Allmâhlig ward ihr Alles um sie her gleichgültig, und sie gab sich ganz ihrem stil­len, unbeachteten Kummer hin. Ihr Herz war voll Leid; Geist und Körper litten.

Lord LindSford war freundlich, gütig, liebevoll, aber er war nicht mittheilend; er ward kalt durch die Zurück­haltung feiner Frau, durch ihre sichtliche Unzufriedenheit. Er fühlte, daß ein bedeutendes Mißverständniß zwischen ihnen herrsche, daß keine Geistesverwandtschaft da sei; fürchtend, daß er einen großen Fehler begangen, indem er sich wieder verheirathet, gab er sich pafsiv seinem Schicksale, wie er es ansah, hin, und suchte nicht durch eine Erklärung^ daS zu berichtigen, was er für einen unheilvollen Irrthum hielt. Nie machte er Anspielungen auf seine erste Frau. Hätte er eS nur gethan, dann hätte Emilie sich eine Ansicht über seine Gesinnungen und Gefühle bilden können ; sie selbst aber hatte nicht den Muth, einen so verbotenen Gegenstand zu berühren. Den größ- ien Theil seiner Zeit brachte er allein in seinem Studier­zimmer zu, und in diesem Zimmer hing ein Bild von Blanche in Lebensgröße. ES mochte dabei nichts Nach- iheiliges für feine Liebe zu Emilien fein; aber, verbunden Mit dem auffallenden Wesen ihres Gatten, erregte eS 'hrc Eifersucht und verursachte ihr schweres Herzeleid.

Endlich mußte er das Abnahmen ihrer G-sundheit bemerken, eS war zu sehr in die Augen fallend, als daß " es hätte nicht beachten können. Und da war er denn

ganz Sorge und Zärtlichkeit; als er ihre magere und fieberische Hand hielt, auf ihre hohlen Wangen, ihr ein­gesunkenen Augen blickte, da wunderte er sich, daß er diese Veränderung nicht früher bemerkt. Er forschte nach einem Mittel gegen die Krankheit, die wie ein Krebs an ihrem Herzen nagte; eine schnelle Entfernung auS dieser Gegend ward verordnet, aber in langsamen und beque­men Tagreisen, um jede unnöthige Anstrengung zu ver­meiden. Für Leute, denen Alles zu Gebote steht, ist nur wenig Zeit erforderlich, um sich zur Reise vorzubereiten; so waren denn schon wenige Stunden, nachdem Dr. Howard die Verordnung gegeben, Emilie, ihr Gatte und die Kinder auf der Landstraße nach der Haupstadt.

Sie reisten nach deS Arztes Befehl langsam; am zweiten Tage nach der Abfahrt blieben sie in Stamford, um dort zu übernachten. Während der Thee bereitet ward, legte sich Emilie, die sich sehr erschöpft fühlte, auf daS Sopha, um sich ein wenig zu erholen; Ldrd LindSford war mit den beiden älteren Kindern in die Stadt gegangen, und ihr eigenes Kind schlief bei der Amme.

Doch ward Emilie bald aus ihrem Schlummer auf­geweckt, denn die Thür ward vorsichtig geöffnet, und e» trat eine weibliche Gestalt ins Zimmer, die aber zu dicht verschleiert und in einen Mantel gehüllt war, um sie er» kennen zu können. Emilie glaubte, eö sei ebenfalls eine Reisende, die sich vielleicht im Zimmer geirrt habe.

„Verzeihen Sie dieses Eindringen, Madame", sagte die Fremde, indem sie sorglich die Thüre zumachte, „aber da ich Lord Lindsford'S Equipage in dem Hofe sah, und fand, daß sie hier allein waren, so habe ich eS gewagt hereinzukommen, um zu bitten —*

„Sagen Sie mir einfach, wie ich Ihnen dienen kann, Madame".