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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

No. 95. Freitag den 23. April 1852.

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Die Flucht.

Nach dem Englischen der MrS. Edward Thomas.

lF o r t s e tz u n g.)

Wie können Sie an solche unwahrscheinliche Dinge nur einen Augenblick denken, Mama, Sie, die sonst so vernünftig und besonnen sind? Er mir seine Hand anbie- ten? Der bloße Gedanke ist mir widernatürlich, um da­bei zu verweilen. Aber wäre er einer solchen Handlung fähig, glauben Sie denn, Mama, daß ich so alles Ge­fühl für Anstand verloren hätte, einen solchen Antrag an­zunehmen" ?

Ich fürchte, daß Du eS thun könntest, ich fürchte eS sehr, wenn Du nämlich nicht die armen verlassenen Kinder als ein entschiedenes Hinderniß betrachtest".

Die ein Hinderniß! O nein! Wenn irgend EtwaS mich vermögen [fénnte, dem unglücklichen Vater Gehör zu geben, so wäre eS gerade daS Mitleid für diese Kinder". __

Ja, so denkst Du, so glaubst Du jetzt, und ich bin völlig von dem Adel Deiner Gesinnung und Deines Ge­fühls überzeugt; aber, Emilie, Du bist durch einen schim­mernden und bald verschwindenden Enthusiasmus geblendet. Ich kenne die menschliche Natur besser; ich weiß, daß daS beste Herz, daS in einem menschlichen Busen schlägt, doch am Ende selbstisch ist; ich weiß, daß gerade diese Kinder, für die Du jetzt die heroischsten Opfer zu bringen willig bist, später von Dir fast mit Abscheu werden betrachtet werden, daß sie in Deinem jetzt so mitleidigen Herzen die peinlichsten Gefühle erregen werden, Gefühle, von denen Du keinen Begriff haben kannst, bis Du selbst ein eige­nes Kind in Deine Arme schließest. O Emilie, von allen Erregungen der Seele kommt keine dem Entzücken gleich, mit dem eine Mutter ihr eigenes Kind an die Brust drückt, mit dem sie eifersüchtig die Liebe und Zärtlichkeit von

Allem um sie her herausfordert. Denke Dir nun, welche Qual Du auSstehen würdest, wenn Du daö Auge Deines Gatten von dem Angesichte Deines geliebten Kindes sich wenden und mit größerer Zärtlichkeit auf den Kindern einer Anderen ruhen sähest, auf den Kindern, die in der Stunde seiner Verzweiflung die Ansprüche auf seine aus­dauernde Liebe machten".

Mutter, ich würde mich selbst hassen und verab­scheuen, wenn ich auch nur einen Augenblick ein so un- heiligeS Gefühl gegen solche unschuldige, hülflose Ge­schöpfe hegen könnte. Gott perhüte, daß ich je so ver­sucht werde, Gott im Himmel verhüte eS; denn wir ken­nen Alle unsere Kraft, unsere Schwäche nicht".

ES verging einige Zeit nach Lady LindSford'S Flucht, ohne ein bemerkenswertes Ereigniß, ausgenommen, daß Lord LindSford seine Scheidung erlangt hatte, und daß Emilie zwei sehr annehmbare HeirathSanträge auöschlug, was ihre Mutter für so thöricht hielt. Aber da sie das einzige Kind war und ein großes Vermögen zu erwarten hatte, so sah MrS. Mentworth keine Nothwendigkeit, ihre Neigung zu beschränken und begnügte sich, zu be­merken , daß Jugend und Schönheit nicht immer währen, und daß stetS ein neuer Nachwuchs jüngerer Liebenswür­digkeit käme, um mit den schon Bewunderten und Geach­teten zu wetteisern.

Lord LindSford war seit seinem häuslichen Mißgeschick für die große Welt wie abgestorben; er hatte sich auf seinen Landsitz im nördlichen England zurückgezogen; da er mit keinem von seinen früheren Freunden mehr in Verbindung stand und bei keiner Gelegenheit von ihnen erwähnt wurde, so war er wirklich vergessen in der gro­ßen Welt, in der er noch kurz vorher so bedeutend ge­glänzt hatte, So wahr ist wenn wir uns auch