Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
No. 94. Donnerstag den 22. April 1852.
--MBB
Die Flueht.
Nach dem Englischen der MrS. Edward ThomaS.'
(Fortsetzung.)
„Das ist das Mitleid der Jugend, das Dir wohl ansteht und lobenSwerth ist; aber ich fürchte, daß sich wenig zu ihren Gunsten finden würde, wenn wir das ganze Gewebe der schwarzen und verwickelten Intrigue auflösen könnten. ES ist kein Zweifel, daß Lord LindS- ford bei dieser unglücklichen Sache in etwas zu tadeln ist, er war allerdings zu nachsichtig, zu unvorsichtig; er fetzte ein unbedingtes Vertrauen in ein sehr leichtfertiges, unbesonnenes Frauenzimmer, und obgleich ich ihn wegen deS Resultates dieses blinden Glaubens bebaure, kann ich ihn doch nicht ganz freisprechen"'
„Ach, Mama, wie lwenig ist daS gesagt für den Ruf unsers Geschlechts! Darf ein Ehemann keinen anderen Lohn für Vertrauen und Güte von seiner Frau erwarten, als Undankbarkeit und Untreue? Sind die Weiber von Natur so schlecht und verrâtherisch? — Gott verhüte eS! oder ich möchte wünschen, diesem Geschlechte nicht anzugehören".
„Gott verhüte es! sage ich auch. Glücklicher Weise macht daS schwache Geschöpf, von dem wir reden, eine seltsame und betrübende Ausnahme von dem glänzenden und fleckenlosen Wesen deS WeibcS. Und doch, ich muß es wiederholen, werden manche Frauenzimmer, selbst mit sonst guten Anlagen, gänzlich und unwiederbringlich zu Grunde gerichtet durch daS rückhaltslose Vertrauen, das man in sie setzt, das sind solche Frauenzimmer, die, wie Lady LindSford, allein für daS Auge, nicht für das Herz erzogen werden, — diese glänzenden Insekten, die ihre schimmernden Flügel nur in der Sommerregion der Mode auâbreiten, und durch die Saison der Jugend flattern, ach weidend an den Rosen der Schmeichelei, ohne je die
scharfen Dornen der ernstern Wahrheit gefühlt zu haben, welche, indem sie verwunden, daS Herz reinigen, das sie auf diese Weise so heilsam prüfen ; — die Frauenzimmer, die nie erfahren, daß Kummer und Leiv ihr Theil werden kann, Alter und Verfall ihr Theil werden muß, wenn sie die flüchtige Periode eines unwürdigen Triumphes überleben sollten; daß von ihnen, als Frauen und Mütter^ Freundinnen und Nachbarinnen, Handlungen gegenseitiger Güte und Liebe, gegenseitigen Mildthätigkeit und Entsagung erwartet werden, um die Mühen und Sorgen deS menschlichen Lebens zu erleichtern; — die Frauenzimmer, welche, in Bewunderung ihrer eigenen Schönheit, persönliche Reize und Anmuth für daS Alpha und Omega der menschlichen Schöpfung halten und für die unverletzte Erhaltung dieser Schönheit für den einzigen Zweck eines vernünftigen Wesens ansehen. — ES gab eine Zeit, Emilie, wo ich dachte, daß Du Lord LindSford'S Gattin werden würdest".
„Ich, Mama"? — Wie konnten Sie je daran denken? Lord LindSford gab mir nie einen wirklichen Grund, so etwas zu glauben; er hat nie — das kann ich versichern — ein Wort gesagt, daS mich so etwas hätte können schließen lassen".
Nein, nein, daS gebe ich nicht zu; gesagt hat er Nichts, was Dich die Meinung fassen lassen konnte, daß er Dich liebe; doch was that er nicht, mein arme» Kind, um Dich zu einer solchen Vermuthung zu verleiten! Aber solche Männer suchen nur zu oft dem Vorwurfe der Unehrlichkeit durch einen niedrigen Vorwand zu entgehen und nehmen, auf die Zuneigung, die sie hervorgerufen und die Gefühle, die sie verletzen, ihre Zuflucht zu der herzlosen Aeußerung, daß sie nie ein Wort gesagt, daS, selbst entfernt, daS thörichte Mädchen hätte täuschen können, daS gewöhnliche Höflichkeit für ernste Zuneigung genommen. Aber er ist mit Recht gestraft
