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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

No. 92. Dienstag den 20. April 1852.

Der Verstoßene.

Ein Lebensbild in Novellenform.

Von Ä. Ernst.

(Schluß.)

Unterdessen ließ Gotthilf mit eingezogenem Segel sei. «tn Nachen von dem kühlen kräftigen Winde aus den Wellen dahintreiben. Er lag, die Hände unter dem Kopf gekreuzt, daS Gewehr an seiner Seite, auSgestreckt auf dem Boden seines Fahrzeugs, und schaute in die Wolken hinauf, hinter denen sich schon mit bleichem Schimmer einzelne Sterne seinem scharfen Blicke zeigten. Jetzt ist eS allerdings zu spät! dachte er, und wir behaupten nicht zu viel, wenn wir sagen, daß ihn eine tiese Wehmuth überschlich, da er sich wiederholte, daß eS nun zu spät sei, „ein ehrlicher Mann zu werden". Die Schauer des Zuchthauses standen entsetzenerregend vor seiner Seele und daS Henkerbeil blitzte mit scharfer Schneide ihm entgegen. Da tönte vom Dorf herüber ein Glockenklang, man be­grub den Jäger Holz, „den braven, wüthigen Mann, der, den Pflichten seines Amtes getreu, von der Hand eines verwegenen Wilddiebes aus dem Hinterhalte erlegt worden war".

ES hallte dieser Klang der Glocke wie ein stummer Vorwurf an Gotthilfs Ohr, und er rief, zum Ersten­male in seinem Leben, den Namen Gottes. Seine Ver­gangenheit schwebte vor seinem Geist vorüber, er dachte daran, wie er hätte sein können, und wie er nun ge­worden war, er dachte an die Zukunft, die ihm noch gestern in seinen Träumereien hoffnungsvoll entgegenge­lächelt — und damit war seine heutige Träumerei denn auch zu Ende.

Er war zu praktisch, um nicht einzusehen, daß er an die Sicherheit seiner Person zu denken habe, und wie er io hintenüber lag, in die allmählig erscheinenden Sterne kickend, faßte er schon den Plan, an der östlichen Seite

des Haffs zu landen und dann tief hinein in daS Land zu entfliehen, — von da ist wohl weiter zu kommen, — vielleicht über das Meer hinweg nach einem fremden Lande,--da krachte plötzlich sein Nachen, ein furcht­barer Stoß fuhr Gotthilf gegen den Schädel und betäubte seine Sinne.

Er faßte mit der einen Hand nach der Stirne und mit der andern griff er bewußtlos nach seinem Gewehr, noch eine Secunde weiter, und die Wogen schlugen über dem Versinkenden zusammen. Der Nachen mitten auS einander geborsten schwamm auf der Fluth und daS Ge­wehr ruhte tief unten in der Hand des Schützen.

„Verfluchter Zufall"! tönte eine rauhe Stimme von dem Decke des Dampfschiffes herunter, welches in voller Fahrt den winzigen Nachen in den Grund gebohrt hatte. Die Maschine angehalten!

ES zischt der Dampf empor, die Mannschaft ist so­gleich mit Stricken und Haken versehen in den Booten; — aber ihr Suchen war vergeblich, sie fanden keine Spur von ihm auf, selbst auf der Stelle, wo er versunken war, hatten sich die Wogen längst wieder geglättet. Laßt ihn! Er hat die Ruhe, für ihn ist daS Grab recht in der schäu­menden Fluth, er paßt nicht unter die dumpfe Erde, unter daS blumige Grün deS RafenhügelS.

Eilig ward Botschaft an das Ufer gesendet. Hier hatte sich die Volksmenge versammelt, welche den Jäger Holz zur Ruhestätte begleitet; sie vernahm die Nachricht mehr mit Freude als mit Trauer.

„Na! Nun sind wir ihn los, Gott |ei Dank"! rief der Schulze. „DaS wnndert mich", weinte ein Anderer, „er muß doch nicht aufgepaßt haben, sonst hätt ihn daS Schiff nicht überfahren können. Wenigstens daS Stehlen wird er anjctzt wohl bleiben lassen", hohnlachte ein Dritter.