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Der Wanderer.

Beiblatt zur Nassauischen Mgem. Zeitung.

No. 91. Sonntag den 18. April 1852.

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Der Verstoßene.

Ein »Lebensbild in Novellenform.

Von K. Ern st.

(Fortsetzung.)

DaS Gewitter kam näher, — ein heftiger Donner- schlag! — und der Lahme rief, während der Donner in den Bergen verhallte: „Wohlan! ich lasse Dich ziehen, aber Du darfst auch nicht schießen". — „Ich schieße nicht", rief Gotthilf, „aber wenn Du'schießest, und soll­test Du mich auch treffen, — so ist es Dein Tod". Er trat hinter dem Baumstämme hervor, doch hielt er sein Gewehr schußfertig angelegt und wich, jede Bewegung des Lahmen scharf verfolgend, langsam rückwärts. Aber der Schurke — schoß dennoch. Gotthilf sprang zur Seite, die Kugel flog auch diesmal fehl; aber bei dem Sprunge entlud sich sein Gewehr, und der Lahme stürzte mit einem Schrei zu Boden. Gotthilf hatte geschossen, i unwillkürlich, als er sein Leben gefährdet sah; — von dem leisen Drucke eines Fingers an den Hahn des Ge­wehrs war ein Menschenleben abhängig, — da ist kein Besinnen, rasch muß die That sein, eine Secunde ent­scheidet hier Alles!

Als der Schuß gefallen und der Schrei ertönt war, eilte Gotthilf nach dem Getroffenen hin, um seine Wunde zu untersuchen. Schon drang daS helle Blut hervor, er riß die Kleidungsstücke von der Brust des todtenbleichen Mannes, die Kugel war ihm in das Herz gegangen und kerne Hilfe möglich.

Das starre Auge deS blutenden war auf Gotthilf gerichtet und die dumpfe Stimme rief: „Verfluchter Du! — Brandt! — mein Sohn! — mein Mörder"! „Warum schossest Du zuerst"! sagte Gotthils, den ein kaltes Grau- sen überrieselte.

Da raffte sich der Jäger mit letzter Kraft empor und stieß den Schützen grimmig von sich, indem er mit bre­

chender Stimme stöhnte: „Nichtswürdiger verfluchter Va­termörder Du! Gott strafe Dich"! Dann sank er ohn­mächtig zurück, eS nahten Tritte und Gotthilf entfloh.

Es gibt Menschen, die von Anfang an dazu bestimmt scheinen, verloren zu gehen, auf deren Haupt sich aller Fluch der Mangelhaftigkeit unseres gesellschaftlichen Zu­standes sammelt. AuSgestoßen und geschieden von Allem dem, waS dem Menschen das Heiligste und 311 seiner Entwicklung daS Nothwendigste auf der Welt ist, sind sie von ihrer Geburt ab im steten Kampfe, selbst mit ihrer nächsten Umgebung, die ihre Rechte verletzt, während sie ihnen wohlthun soll. Ueberall, in jedem Zeitpunkte ihreS Lebens versündigt sich die menschliche Gesellschaft an ihnen, zertritt roh und gewissenlos die edleren Keime, die sich an daS Licht drängen wollen, und schreitet dann gleich­gültig über die Vernichteten hinweg. Fort auS Eurer Hand mit dem Stein, den Ihr tugendhaft auf den Schul- digen zu schleudern so leicht bereit seid! —

"Das hätt ich doch nicht gedacht", sagte der Förster Claus tief bewegt zu seiner Tochter, die still und bleich sich an ihn lehnte, — „eS ist schad um ihn, er war etwas Besseres werth; was hätte aus ihm nicht werden können, mit seinem Muth und seiner sichern Hand, wär er von je nicht so verwahrlost worden. Aber seine Mitmenschen stießen ihn aus, daS war die Sache. Zwar, ich Habs gut mit ihm im Sinne gehabt, und er hat mich schlimm betrogen, doch daS soll mich nicht irre machen. Hätten wir ihn früher gekannt, Friederike, wer weiß, eS wäre nicht dahin gekommen, daß er Nachts in Lumpen als Dieb und Mörder durch den Wald schlich.

Eine stumme Thräne rann über die jungfräuliche Wange deS Mädchens.

Der lahme Jäger Holz war todt , eS hatte ihn ein Schuß von FrevIerS Hand mitten durch die Brust ge­troffen, er vermochte aber nicht mehr anzugeben, wer