Der Wanderer.
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Belletristisches Beiblatt zur Naffauischen Allgem. Zeitung.
No. 89. Freitag den 16. April 1852.
Der Verstoßene.
Ein -Lebensbild in Nove llen form.
Von K. Ernst.
(Fortsetzung.)
Ruhrvoll war der Abend, eS senkte sich die GotteS- milde auf die Erde hernieder, die Bäume, die Büsche, die Blumen, die Gräser drängten in stiller wundervoller Entwicklung ihre Knospen und Keime hervor, durch den Thau benetzt, den die lautlose Frühlingsnacht spendete. Wie muß eS dem Verbrecher zu Muth sein, der dieser Ruhe nicht theilhaftig werden kann, der, von unreinen Leidenschaften durchwühlt, sich abwenden muß von diesem Frieden der Natur!
Gotthilf, wie er neben dem Alten stumm dahinschritt, fühlte sich, seit seiner Jünglingszeit, zum Erstenmale ängstlich und beklommen. Sein Auge flog hierhin und dorthin, und er lauschte mit seinen scharfen Sinnen ver geblich auf eine Bewegung, auf ein Geräusch um ihn her woran er hätte haften können. Aber es blieb alles ruhig' nur in ihm glühte eS und wühlte es, und er schritt so rasch, daß der Alte ihm kaum folgen konnte.
In dem Försterhause angelangt holte der Alte einen Zettel hervor, und ihn Gotthilf hinreichend, sprach er: »da lies«!
Gotthilf verstand das Lesen nicht, und der Alte sagte: „ES ist eine Meldung vom Schulzen/ Du seiest der Wilddieb, dem wir nachspüren, denn Du habest ihm ein Stück Wildprett zum Kaufe angeboten, und er wisse, daß Du deS Nachts im Walde umherschl'chest. Ist das wahr«?
Bei diesen Worten hafteten die Blicke deS Alten scharf und ernsthaft auf dem Angeschuldigten. Dieser blickte verlegen nach dem Mädchen um, welches in der i Stube verkehrte.
„Nun? ist daS wahr, wiederholte der Förster.
„Die Jungfer ist hier«, äußerte Gotthilf, „heißt sie hinausgehen".
Auf einen Wink deS VaterS entfernte sich Friederike auS dem Zimmer, — eS schien als trâfe den Wildschützen ein bittender, mahnender Blick aus ihren Augen. Aber Gotthilf rief nun von Wuth geröthet: „Der Schulze lügr, er ist ein Holzdieb und will mich angeben, weil ich ihn ertappt habe".
Während er diesen Vorfall erzählte, ging der Förster sinnend auf und ab. „ES wäre auch zu schlecht von Dir", sagte er dann, „wenn Du mich betrügen wolltest. Also — ich willS fetzt nicht glauben. Aber Du bleibest mir aus dem Forst in Zukunft, — hörst Du? Zu mir komme, wenn Du Lust hast, wir sprechen dann mit einander und ich denk schon, eS soll Dir bald besser gehen, wenn Du Dein Gewerbe tüchtig handthiercst, und nicht mehr so scheu vor anderen Menschen bist, wie jetzund. Ehrlich, mein Sohn! währt am längsten, und die Schlechten finden zuletzt koch ihren Lohn".
Er saßte die Hand deS Schützen mit der rechten, und schüttelte sie rüstig, während seine linke auf der Schulter dessen vertraulich lehnte, ver ihn so arg hinterging. „Friede-, rite" 1 rief er dann, „nun kannst Du wieder hereinkommen, 'S ist nichts, — Alles in Ordnung! — abgemacht! Und nun gut Nacht, Gotthilf, es ist Schlafenszeit, — mach, daß Du heimkommst, und übermorgen muß ich ein Gericht Fische aus dem Tisch haben, — hörst Du, mein Junge"?
Gotthilf ging. Auf dem Flur begegnete ihm Friederike, sie blieb vor ihm stehen und faßte seine Hand: „Betrügt den Vater nicht, er ist so gut", sagte sie, „und werdet ein ehrlicher Mann, ehe eS zu spät ist". Sie sah ihn bittend an, doch er vermied ihren Blick und eilte hinaus. Draußen aber blieb er sinnend stehen, und schaute
