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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. <>

No. 88. Donnerstag den 15. April 1852.

Der Verstoßene.

Ein Lebensbild in Novellenform.

Von K. Ernst.

sF o r t s e tz u n g.)

Gotthilf hatte in dem Lahmen den Jäger Holz, sei­nen Pflegevater, der seit Kurzem hier in der Gegend an­gestellt war, längst erkannt. Er haßte ihn noch immer auS tiefster Seele uns vermied, auch außerhalb des Waldes, ihm zu begegnen, so daß dieser keine Ahnung davon hatte, wie nah ihm derjenige war, an dessen Kindheit er sich so schmählich vergangen. AlS er fort war, kletterte der Schütze von seinem Baume herab, und eilte in daS jenseits der Haide belegene Kolonistendorf. Hier hatte er einen unentbehrlichen Helfershelfer, — eS war TewS, Gotthilf hatte ihn im vergangenen Winter Nachts im Winter bei einem Holzdiebstahle getroffen, er erkannte ihn gleich, stürzte sich wild und wüthend auf 'hn, riß ihn zu Boden und würde ihn ermordet haben, wenn nicht zur rechten Zeit noch der Gedanke in ihm aufgestiegen wäre, einen Aufschluß über jene Unglückszeit von dem Nichtswürdigen zu erlangen. Der Elende, wie er die nervige Faust seines früher n Zöglings an der Gurgel fühlte, beichtete Alles, bat winselnd um sein Leben, und versprach jeden Dienst. Seitdem mußte er Gotthilfs Befehlen willenlos folgen. Wie er einst den Knaben beherrscht hatte, so beherrschte ihn jetzt der Knabe zur Vergeltung.

Heute klopfte Gotthilf an das niedrige Fenster eines Kolonistenhauses. Sogleich erschien eine gebückte Gestalt der Thür, und fragte dicht herantretend und die kno­tige Hand über die Augen haltend, waS der Angckom- wene wolle? „Du blinder Hund"! schrie ihn Gotthilf an, „mache dein Fuhrwerk zurecht, — rasch! wir müssen w den Wald".

Der Befehl war bald auSgesührt, und daS magere Pferd zog die Beiden von hinnen. TewS war vollstän­dig heruntergekommen. Der kräftige kecke Mensch, der sich früherhin in jede Gefahr eines wüten und verbreche­rischen Lebens verwegen und ohne Zittern stürzte, erschien jetzt nach Verlauf von zehn Jahren als ein gebrechlicher, elender Greis , zaghaft und stets vor Entdeckung bebend. Sein von Ausschweifungen und Verbrechen zerrütteter Körper gestattete ihm ein selbstständiges Handeln schon lange nicht mehr, und selbst daS DiebeShandwerk, zu dem er aus dem Zuchthause entsprungen, gegriffen hatte, wollte nicht mehr lohnen, weil ihm dazu Kraft und Ent­schlossenheit fehlte. Er hatte daS eine Auge in einer Balgerei ejngebüßt, und sein Gehör fast ganz verloren, sein Scheitel war kahl und der widerliche Ausdruck sei­nes Gesichts schreckte Jeden von ihm zurück.

Doch so wenig Muth er selbst hatte, so schlau wußte er Andere zu benutzen. Gotthilf hatte ihm fast immer die Hälfte der Beute abgegeben, weil er ohne ihn daS getödtete Wild nicht aus dem Walde schaffen konnte, und TewS ging jetzt noch mit einem anderen Plane um.

„Elendes Handwerk, der Wildhandel"! sagte er „wirft nichts ab, und mir ists immer fo, als ob ich den Schuß von einem so verfluchten Förster schon in den Ge­därmen fühlte".

Gotthilf antwortete nichts.

„Da wüßte ich bessere Auskunft", setzte Jener seine Rede fort, — „ein Schlag! und wir hätten Beide genug unser Leben lang. Ich hab es auSgekundschaftet, nichts leichter als das — in dem Zimmer, wo die Kasse steht, schläft bei Nachtzeit Niemand, — die Leiter besorg ich, — willst Du eS übernehmen"?

Gotthils wendete dem Hallunken den Rücken zu.

„Könnten den gefährlichen Wildhandel aufgeben", fuhr dieser fort, „und hätten Geld die Menge. Wie