Der Wanderer.
Beiblatt zur
No. 85. Freitag den 9. April 1852.
Der Verstoßene.
Ein Lebensbild in Novellenform.
Von K. Ernst.
(Fortsetzung.)
Der Alte wiegte, in Gedanken versinkend, das Haupt, dann schlang er den Arm um seine Tochter und küßte sie auf die Stirn, indem er vor sich chinsagte: „Wie Du willst — wie Du willst".
„Höre"! erzählte er dann, „der Brenner hat heute wieder einen Schuß gethan, man solltS nicht glauben — 'S war zum Erstaunen! Du weißt, ich hatte die Ordre, ein Stück Wild abzuschießen, da nahm ich mir den Gotthilf mit, weil derS so geschickt aufspürt. Wetter! so reißt er mir auf einmal die Büchse aus der Hand, wie ein Wilder, ich fahr zurück, aber da krachtS schon, und ehe ich noch was gesehn hab, liegt das Thier unterm Schuß auf hundertundfünfzig Schritt Weite, und so sicher ins Blatt getroffen, daß es eine 'Lust war. Wo der Bursche das Schießen gelernt hat — wahrlich ! er trifft wie ein Daus. Wenn ich einen Auftrag hab, ich darfS ihm nur sagen, da vergeht kein Tag und er bringtS an, wie'S bestellt ist. — Der greift uns auch noch den Wilddieb, paß auf! Ich Habs ihm erlaubt, im Wild zu sein, wenn er will, und sollt mich Wunder nehmen, wenn ers nicht herausbrächte, wer der Schuft ist, der uns so viel Noth macht. 'S ist um sich blau zu ärgern, den halben Wildstand im Revier hat er fast weggeschossen und kein Mensch kriegt ihn auch nur zu sehen".
„Vater"! unterbrach ihn die Tochter, „vertraus dem Gotthilf nicht an, den Wilddieb zu fangen. Das taugt dem Manne nicht, daß Du ihn so frei in daS Revier lassest; er versäumt sein Gewerb dabei und kommt auf böse Gedanken".
„Du auch, Friederike? Ich weiß nicht, waS Ihr auf den Brenner habt! Er ist ein tüchtiger, brauchbar !
rer Mensch, der seine Sachen versteht, und eS hat ihn noch Keiner nicht herumlungern gesehen; — ich wollt für ihn gut sagen, warum eS immer wär. Zwar ein wenig scheu sieht er aus, und geht den Leutess aus dem- Wege aber — eS ist ihm auch schlecht genug gegangen sein Lebenlang — Du weißt"!?
Indem er so sprach, meldete sich ein Schlitten draußen, und hielt vor dem Hause still. Der Dorfschulze stieg auS. Er kam mit seiner Frau von einem Kindelbier aus dem Nachbardorse heimgefahren ; da ihn sein Weg vor dem Hause des Försters vorbeiführte, so hatte er eine Bestellung an diesen übernommen. Doch die Frau durfte in der Kälte nicht draußen sitzen bleiben, Friederike nöthigte sie in daS Haus, und der Knecht mußte unterweilen unter daS Scheunenthor fahren, damiL die Pferde und der Schlitten vor dem Schnee geborgen wären.
„Nun mach uns geschwind einen Thee, mein Kind"! rief der Förster, „ein Thee ist gegen die Kälte güt"!
Einen Thee hatte der Schulze wohl kaum jemaks getrunken, und er setzte sich daher mit seiner Frau gemächlich nieder. Sie war eine dicke, rothbäckige, gesunde Frau, eine rechte Baucrnwirthin. Man achtete sie allgemein, weil sie der Wirthschaft rüstig uns ordentlich vorstand , ein Dutzend Kinder ohne Beschwerde zur Welt gebracht hatte, und Niemanden etwas zu Leide that. So war sie denn auch sehr ruhig und gelassen, stets gemüthlich und gleichmäßig, sie keifte im Hause nicht herum und es ging doch Alles so, wie es gehen sollte. Heute in ihrem FestlagSputz mit tyn vielen schweren und bauschigen Röcken nahm sie sich gar prächtig auö; der Schulze war ein wohlhabender Bauer, sie hatte ihm daS Ihrige auH zugebracht, und also konnte man einen solchen Putz scho.a anschaffen.
