Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
No. 82. Dienstag den 6. April 1852.
Der Verstoßene.
Ein Lebensbild in Novellenform.
Von K. Ernst.
(Fortsetzung.)
Er legte eS prüfend an die Backe, zielte scharf nach dem schwarzen Punkte im Haff dort, und drückte loS. Bleiern schnappte der Hahn, eS hätte getroffen auf fünfhundert Schritte den Gegenstand, den der Schütze ins Auge gefaßt dort in den schon sich beruhigenden Wogen. JstS eine Trümmer des zersplitterten Schiffes, oder was ists? Kofi sehen! Gotthilf eilte hinaus — ein umgestürzter Nachen? Ei steh! rief der Fischer aus, ich wußtS schon, daß du nicht draußen bleiben würdest, mein Boot, du kennst den Ort, wo du zu Hause bist. Die Wellen warfen daS kleine Fahrzeug allmählig dem Strande zu. ES war Gotthilfs Nachen, freudig zog er ihn an das Ufer und band ihn wieder fest.---
Solch eine That verdient wenigstens Dank. ES erschienen die Geretteten vor der ärmlichen Wohnung des Fischers und klopften leise an. Gotthilf trat heraus; als er ihre DankeSworte vernommen, sagte er: „Es ist gut!" und wendete ihnen mürrisch und kalt den Rücken. Fühlte er, daß ein Dank ihm nicht zukomme? Wir lassen eS unentschieden, nur daS bemerken wir, daß in der That nicht Menschenliebe ihn daS gefährliche Wagestück unternehmen ließ. Von Nächstenliebe war keine Spur in seinem Gemüthe, ihm galt eS nur gleich, ob Jene eine Speise der Fische geworden wären, oder ob sie durch ihn gerettet, sich deS Hellen Tages noch freuen durften. WaS ihn Hinaustrieb, war gewissermaßen nur Instinkt; ihm war daS Waghalsige angeboren und durch fein Leben zu einer abenteurlichen Höhe entwickelt, er suchte daS Gefahr, volle auf, und unternahm eS, ohne viel zu fragen, wie sein Wagen enden werde.
Aber das Gewehr, daS blitzte ihm in die Augen — wer'S gebrauchen dürfte! DaS ist ein Gewinn, der eine Fahrt im Sturme schon verlohnt, ein prächtiges Gewehr! — Wer Pulver hätte und Kugeln dazu. Nun! die find bald zu haben, jeder Krämer in der Stadt verkauft dergleichen, — vielleicht hat auch der Krüger Vorrath; — fort nach dem Krug!
Im Kruge saßen viele Gäste bei einander, von dem Sturme, der gewüthet, und von dem gescheiterten Schiffe sich unterhaltend. DeS Brenner ward nur beiläufig erwähnt; nun waS ist's weiter? Er HatS gewagt, waS hundert Andere auch gethan hätten. „Wäre ein Nachen zur Stelle gewesen, sagte ein Schiffer von der Gesellschaft, ich würde ebenfalls zur Rettung hinausgefahren fein. Ich auch! meinte ein Anderer, wenn ich, wie der, nicht Weib und Kind gehabt hätte! Und ich nicht Vater und Mutter! rief ein dritter, ein junger Bursche, 'S hat ihm ja auch nichts geschadet, er ist gesund wieder anS Land kommen."
„Aber den Alten hätt' er doch retten müssen, eiferte der Dorfschulze, daS war unmenschlich von ihm, daß er ihn ertrinken ließ. DaS Amt HatS darum, und weil er doch nur ein Taugenichts ist, auch abgeschlagen, eine Belohnung für ihn bei der hohen Behörde nachzusuchen".
O Menschenvolk!
In diesem Augenblicke trat Gotthilf ein, und die Unterhaltung verstummte.
* *
*
Die Sonne sank, er schlich hinaus in den Wald. Sein Tritt war leise, wie der Tritt einer Katze, und seine Augen blitzten. DaS scharf geladene Gewehr im Arme, wand er sich vorsichtig mit krummen Knieen durch daS hohe Haidekraut, scheu umblickend, wo sein Fuß einen am Boden liegenden Ast traf — daS Raffeln deS zerbrechenden Reifes könnte seine Fährte verrathen. Seine Brust
