Einzelbild herunterladen
 

Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

No. 80. Samstag den 3. April 1852.

Der Verstoßene.

Ein Lebensbild in Novellenform.

Von K. Ernst.

(Fortsetzung.)

Der Schulze hatte die meiste Noth mit Gotthilf, weil er die Bezahlung der einem Fischer auferlegten Ab- gaben fast niemals zur rechten Zeit erlangen konnte. Gott­hilf .verstand sich einmal nicht gutwillig zu einer solchen Steuer und wenn man Zwang gegen ihn anwenden wollte, so stieg er in seinen Nachen und fuhr trotz Sturm und Wetter auf das Haff hinaus, wohin ihm zu folgen man in der Regel zu gewagt fand. Er war ein störriger und wilder Geselle!----

Die Menge stand dichtgedrängt am Ufer und schaute mit Grauen auf das Haff hinaus, wo ein großes Fahr, zeug, von dem furchtbaren Sturme hin- und hergeschleu­dert, mit den Wogen kämpfte. Die Segel flatterten in zerrissenen Fetzen an dem schwankenden Mast, und mit widrigem Geschrei umkreisten die Möven wilden Fluges das sinkende Fahrzeug. Von der Spitze des Mastes wehte, ein Zeichen des Entsetzens, die Noihflagge, das Steuer war zerbrochen — und wenn nicht bald Hilfe kommt, so ist das Schiff und Mannschaft verloren!

Alle, auch die erfahrensten Seeleute im Dorfe erklär­ten, daß es unmöglich sei, dem Schiffe — eS war ein Lugger — zu nahen, man würde sein eigenes Leben ohne die Hoffnung eines Erfolges tollkühn auf das Spiel fetzen.

In seinen tiefsten Tiefen schien das Haff von dem Silben Herbstorkane durchwühlt, und mit unheilvoller Ge- tvalt thürniten sich die Wellen aufwärts, den giftigen Schaum gen Himmel spritzend. Da stieß unterhalb ein Kahn vom Lande, und vertraute sich den Wogen; ruhig stand der Schiffer neben dem kleinen Maste und wickelte

das Segel ein wenig ^auseinander. Der Wahnsinnige k Wie ein Pfeil schoß nun das Boot dahin — Alles schaute hin: „DaS ist der Brenner"! rief man durcheinander, „der Brenner istö! — Der Wagehals! — Eine pure Tollheit! — Aber das kleine Ding von Boot segelt — man solltS nicht glauben"!

Die alten Seeleute schüttelten bedenklich ihre greisen Häupter. Nun war der Nachen nicht mehr zu sehen — doch! Da ist er wieder! — Aber jetzt — verschwindet er — nein! Auch diesmal kommt er wieder zum Vorschein. In jedem Augenblick schien er von der empörten Fluch verschlungen zu werden, und dann tanzte er wieder in die Höhe auf den weißen Wellenspritzen. Ein furchtbares Schauspiel! Wahrlich! er naht dem Schiffe — er ist nicht mehr weit davon — unglaublich! — Hu! da versinkt er, jetzt ists um den Kecken geschehen — nein, nein! Errafft sich wieder empor! — An daS Schiff legt er an, der Capitân und zwei Leute von der Mannschaft springen hinein! — Sachte! — Eine solche Last kann der kleine Nachen unmöglich tragen — doch! — er strebt dem Ufer zu. DaS Ding fegelt wie der Henker! Man solltS nicht denken, daß er bei dem Sturme das Segel gebrauchen könne! —

Er erreichte das Land. Die Menge hatte sich nach dem Landungsplätze hingezogen, die drei Geretteten spran­gen an das Ufer und fielen auf ihre Kniee. Gotthilf sah sie knien und beten — aber er hatte keine Zeit zur Be­trachtung; noch einmal stieß er ab. „LaßtS gut sein"! rief man ihm zu, aber er antwortete nicht.

Der Sturm wüthete 'immer heftiger, der Kampf war schwerer als das vorige Mal. Immer wieder zurückge­worfen an daS Ufer, strebte Gotthilf unermüdlich und hartnäckig dennoch wieder hinaus. ES waren noch der, Schiffsjunge und ein alter Mann zurückgeblieben, auch sie mußten geborgen werden. Die Blicke der Zuschauer