Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. >
No. 79. Freitag den 2. April 1852.
Der Verstoßene.
Ein .Lebensbild in Novellenform.
Von K. Ernst.
(Fortsetzung.)
Gotthilfs Lage war entsetzlich. Er sah sich geflohen von allen Besseren, er fühlte sich verachtet von seines Gleichen — kein Bettler wollte mit ihm Gemeinschaft haben. WaS beginnen? ES zeigte sich nirgends ein Mittel, den Vorwurfs, der auf ihm lastete, zurückzuschlagen , keine Möglichkeit, sich diesen Menschen hier zu nähern, und ihnen eine bessere Meinung von dem, welchen sie auSstie- ßen, beizubringen. Wäre Gotthilf wahrhaft sittlich entwickelt gewesen, er würde durch sein künftiges Leben bewiesen haben, daß man ihm unrecht «hat, er würdeâruhig seines Weges gegangen und unbekümmert um das falsche Urtheil, dem er unterlag, dennoch endlich zu seiner Genugthuung gelangt sein. Aber so dachte und fühlte er nicht. Freilich zog er sich von seinen Nächsten nun ebenfalls zurück, aber er verschloß sich in Bitterkeit, Haß und Wuth, und es fuhr ihm oft durch den Sinn, sich an seinem Brodherrn , der daS gestohlene Gut unter dem Bette aufgefunden, und die Anzeige davon gemacht hatte, zu rächen. Wie leicht wars — nur eines kleinen Funkens bedurfte es, um daS elende FifcherhauS in Brand zu stecken, und den Besitzer sammt seiner Habe völlig zu vernichten l
Doch ein glücklicher Zufall brachte Gotthilf auf andere Gedanken. In einer stürmischen Herbstnacht schweifte er draußen ohne Obdach umher; er kam an den Fluß, da lag der Nachen angekettet, den er früherhin so oft rußig gelenkt hatte. Er machte ihn flott, ergriff den Haken und stieß vom Land. Auf der Mitte deS Stromes legte er die Ruder bei Seite, und ließ das Boot von dem Winde dahin treiben. Er überdachte seine Lage; der
Winter nahte, er mußte ein Obdach haben — im Dorfe nahm ihn Niemand auf. Bisher hatte er hin und wie. der den Fischern geholfen und dafür eine Mahlzeit erhalten,— NachtS schlief er dann unter freiem Himmel, oder er verbarg sich in einer Scheune oder einem Schoppen vor dem Wetter. Im Winter war dies nicht durchzuführen — was also thun ?
Da stieß sein Nachen auf etwas Hartes; unzweifel, haft ward er von einem im Wasser schwimmenden Gestände aufgehalten. Gotthilf sprang auf und griff in daS Wasser; seine Hand glitt an einem hölzernen Kasten ab, und eS kostete Mühe, den Fund in den Nachen hineinzuheben. In der That ein Kasten — wohl verschlossen — laß sehen, waS darin ist? — DaS Vorhängeschloß ist bald zerbrochen — nun steht nichts im Wege, ihn zu öffnen.
Die Kiste enthielt Kleider und Fischergerâthschasten — verlornes Gut — wer weiß, welchem Schufte eS gehört. Der Anzug paßte, Gotthilf legte feine Lumpen ab und zog die in dem Kasten befindlichen Kleider an. Wenn ich sie nicht nehme, so nimmt sie ein Anderer, dachte er bei sich selbst.
Nun war er angethan, wie rin anständiger Mann, er hatte einiges Fischergerâth — glücklicher Zufall.' Vielleicht, vielleicht istS nun möglich, ein ehrlich Gewerke anzufangen. Er ruderte ans Ufer, band den Nachen wieder fest und machte sich, beladen mit dem Fischerzeug, welche» er nun sein nannte, auf den Weg, dem Fluß hinab.
Am folgenden Tage wanderte er durch die Hauptstadt der Provinz —er wollte weiter nach der See zu. In der Nähe deS großen Haffs machte er Halt, kehrte im Dorfkruge ein, und bemühte sich, eine Wohnung für einen bleibenden Aufenthalt zu finden. Der OrtSvorstand machte allerlei Schwierigkeiten, da der Ankömmling keine gehörigen Papiere bei sich führte. Zwar gab er an, daß er
