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Der Wanderer.

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Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

No. 77. Mittwoch den 31. März 1852.

Der Verstoßene.

Ein Lebensbild in Novellenform.

Von K. Ernst.

(Fortsetzung.)

Es entstand im wahren Sinne dèS Worts eine Treibjagd nach dem Entflohenen mit Hunden und Ge­wehren; die Gebüsche, die Kornfelder, die Brüche wur­den durchstöbert mit lautem „Hussah"! und „Hurrah"! Die Hunde bellten, die Pferde zerstampften den Boden, die Gewehrhâhne knackten. Endlich femd man ihn auf; wie «in gehetztes Wild floh er in wildschnellem Lause über daS Feld, hinter ihm her der Schwarm seiner Verfolger zu Pferde und zu Fuß. Des AmtSdiener leitete die Jagd mit gewohnter Umsicht, und nicht lange währte eS, so fand sich Gotthilf von allen Seiten umzingelt.

Noch eine Rettung gibtS — vielleicht dort der See! Gotthilf sprang hinein und schwamm an daS andere Ufer, aber auch hier traten hinter dem Bäumen Bewaff­nete hervor und ihm entgegen, zum Tode erschöpft ward er ergriffen, man band ihm die Hände auf den Rücken zusammen, und führte ihn in daS Gefängniß der nächsten Stadt. Er befand sich in einer furchtbaren, verzweif- lungSvollen Lage; die dunkle Zelle, in welche er gestoßen ward, hallte von feinem Wuthgeschrei wieder, er rüttelte mit den kräftigen Fäusten an den eisernen Stäben deS kleinen Lochs in der Mauer, welches die Stelle deS Fen­sters vertreten sollte, er rannte gegen die feste Thür, um sie zu versprengen. Umsonst! — der Gefângnißwärtrr erschien mit der Ankündigung, daß der Arrestant Hiebe erhalten werde, wenn er sich nicht abkühle. Diese Droh­ung und der damit verbundene Hohn brachten ihn zur Besinnung, er warf sich von namenlosem Weh überwäl­tigt auf den Boden.

Zum Erstenmale war er seiner Freiheit beraubt, sei­ner Freiheit, der nothwendigsten Bedingung seines Lebens;

ihn, den frischen ungebundenen Sohn deS WaldeS hatte man hinter düstern Mauern eingeknechtet, wohin kein Grün deS Buchenlaubes schimmernd drang, die kein frischer Athemzug vom See her erreichte. Eines Men­schen bedurfte er nicht, um zu leben, aber der freien Natur bedurfte er, in der er, ein wilder, aber kräftiger AuSwuchS, emporgeschoffen. Nun war ihm Alles, Alles genommen, Schloß und Riegel stemmten sich ihm ent­gegen und er vermochte den Zwang, welchen man.ihm anthat, nicht zu überwinden.

Ohnmächtig waren alle seine Kraftanstrengungen, zu entweichen, ohnmächtig sein Toben und rufen; er gerieth in einen entsetzlichen Zustand. Tagelang saß er da, den Kopf in die Hände gestützt, unbeweglich und stumm, wie daSGrab; ihm war, als könne er nicht athmen zwischen diesen dumpfen Wänden, deren Gestein ihm die gepreßte Brust einzudrücken drohte; es stieß sich sein Blick, gewohnt, die freie Ferne zu messen, an der nahen finsteren Mauer, und die Kräfte seines LeibeS ermatteten. Seine Vergan­genheit erschien ihm in dem hellsten freundlichsten Lichte, ja sogar diejenigen Zeiten, in denen eS ihm schlecht er­gangen war, kamen ihm beneibenSwerth vor, wenn er seinen jetzigen Zustand damit verglich. Aber er hatte fei^c Thränen , in die seine gepreßte Natur sich hätte auSströ- men können, keine Thränen — nur Ingrimm und stumme Verzweiflung. Warum man ihn gefangen hielt, er wußte es nicht — nur von fern wie ein Gespenst drohte ihm TewS der Wilddieb.

Er war nicht der einzige Bewohner dieser Zelle. In den beiden Ecken zunächst dem Fenster saßen zusammen­gekauert noch zwei andere Gestalten. Die eine gehörte einem Greise an, der, deS Betruges und wiederholten Diebstahles angeschuldigt, hier in Haft war; Sünde und Verbrechen hatten diesem Angesichte tiefe^wiberliche Furche» eingegraben, sein zerstörter Körper hing gleichsam nur