Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem.
No. 76. Dienstag den 30. März 1852.
Der Verstoßene.
Ein ^Lebensbild {n Nove llenform. Non K. Ernst.
sF o r t s e tz u n g.)
Wie oft fuhr'S ihm durch den Sinn, in der blauen Tiefe des Flusses den Tod zu suchen, — aber eS war doch nur Alles Träumerei in ihm, vielleicht gar nur die Entwickelung feiner körperlichen Natur, welche ihm die feinem Wesen sonst fremde weichere Stimmung verlieh. Allein waS ist aus dem Menschen nicht zu machen, wenn er auf der Grenze zwischen Kind und Mann steht. Dann ist die Natur weich und leicht zu formen; aber er bedarf einer Hand, die auS ihr ein gutes Werk zu bilden ver, steht; rohe Hände besudeln sie nur und verderben den bildsamen Stoff. In Gotthilf war noch immer etwas Besseres, eö kam nur nicht zur Geltung, er besaß, ver- wahrloSt wie er war, nur nicht die Fähigkeit, sich daS, waS in ihm vorging, zum Bewußtsein zu bringen. Ja! wäre nichts weiter in ihm zu erkennen gewesen, als sein inniger Zusammenhang mit der Natur seines nordischen Vaterlandes, sein Drang zu dem Gefahrvollen hin, und seine Sehnsucht nach Ungebundenheit, — schon dies hätte auf eine ursprünglich edlere Natur hingedeutet, und eS wäre wohl der Mühe werth gewesen, ihn mit rettenden Händen in die Höhe zu ziehen. O! hätte nur ein Blick liebend auf ihm gehaftet, um ihn zu beschützen, ihn zurecht zu führen, hätte nur eine Hand sich nach ihm auS- gestreckt, um ihn zu leiten, um ihn zu unterstützen in dem gewaltigen Kampfe, den er jetzt bestehen mußte! Aber nein! eö war Niemand da, Niemand, der ihm einen Funken von Liebe zeigte, Niemand, dem daS Schicksal des lumpigen Fischerjungen eine wenn auch nur vorübergehende Theilnahme abgenöthigt.
Er blieb also verlassen. Die kalte und übelwollende Behandlung, die er von Jugend auf erfahren, zertrat und
vernichtete allmählich die Keime, welche sich an das Licht drängen wollten, und deren ursprüngliche Kraft ihn, den Verstoßenen, zu einem guten und brauchbaren Mitgliede vermenschlichen Gesellschaft emporzubringen vermocht hätte. WaS half es ihm, daß manche muntere Dirne die Augen begehrlich nach dem schlanken Fischer aufschlug, waS nützten ihm seine Gewandtheit, seine Kraft und sein kecker Muth? Er schaffte für Andere und hatte für sich selbst nichts, als daS nackte kümmerliche Leben, welches ihn gewaltsam zu Boden hielt, wenn er sich aufschwingen wollte.
Da trat einst in der Dunkelheit der Theerschweler TewS unvermuthet, wie ein böser Geist, ihm entgegen. „Gut, daß ich Dich finde"! rief der finstere Mensch hastig, „ich bin auS dem Zuchthause entsprungen und die GenS- d'armen sind mir auf den Hacken, verbirg mich! wenn sie mich fangen, so gebe ich Dich an, ich weiß nunf, wo Du Dich aushälst"!
Gotthilf starrte wie vernichtet vor sich hin. Jetzt, daS fühlte er, stand sein eigenes Leben auf dem Spiele, waS half da alles Besinnen? Er zog den Verbrecher mit sich fort und versteckte ihn unter seinem Bette; Niemand hat eS gesehen.
„Wie hast Du'S damals angestellt, zu entkommen"? fragte Tews. — „So? — Du schlechter Kamerad! Ich habe die ganze Sache für Dich auSbaden müssen: — daS war nicht recht, daß Du mich so in der Klemme stecken ließest" I
Die Verfolgung ging glücklich vorüber. Niemand wußte im Dorfe von dem Verbrecher, der in der Nachbarschaft einen großen Diebstahl auSgeführt hatte; man beschrieb ihn ganz genau, eS stand fest, daß er die Richtung hieher genommen, — allein er war dennoch hier nicht aufzufinden. In der Nacht ließ Gotthilf den Versteckten
