Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
No. 74. Samstag den 27. März 1852.
Tonina.
Erinnerungen eines Paduaner Studenten.
(Schluß.
Eine halbe Stunde nach meiner Ankunft wandelte ich bereits recta via auf das bekannte Haus am Herren» platze los. Ich sah zum Fenster empor, wo ich sonst die theuern Häupter meines Pollur und seiner Tonina im verliebten vis â vis geschaut hatte. Der Platz war leer hinter den Scheiben. Also, in GotteS Namen, hinauf in den zweiten Stock, geklingelt! Ein bekannter Schritt schlürft über den Teraffenboden heran; eS ist die Pavrona selbst, sie öffnet.
„Signora, Sie werden erlauben—* — „Sie, allerheiligste Mutter! Doctor"! rief sie, „unmöglich, unglaublich! —" —
„Und doch höchst wahrscheinlich", setzte ich bei. „Gestatten Sie mir, Ihre werthe Person und Ihre Fräulein Tochter von meinem thatsächlichen Vorhandensein näher zu überzeugen".
Die Padrona hatte indessen, obwohl zögernd, mich das Zimmer betreten lassen. Tonina saß nicht am gewohnten Schemel.
„Sie sprechen von meiner Tochter, mein Herr"! begann die Dame langsam (ich muß hier bemerken, daß dieselbe von ihrer Haube jene Abzeichen verwerflicher Gesinnungen entfernt hatte); „sie ist krank, sehr leidend".
Jetzt rief aus der halboffenen Thüre des Nebenge» wachs eine schwache Stimme: „Mama"!
Diese ging hinein, kehrte bald wieder und führte mich unter den üblichen Schicklichkeitsphrasen anS Lager der Tochter.
Gott weiß, wie eS kam, aber mein Gruß lautete: »Povera Tonina" 1 Zwei große, fieberhaft leuchtende Augen sahen mich an aus einem bleichen Gesicht, das von
offenen, schlaffen Locken umflossen war. Dieses kranke Haupt nickte zustimmend bei meinem AuSruf. Ich begriff bald, daß Tonina von diesem Krankenlager nicht mehr erstehen werde. Sie hatte den Typhus überstanden, um an einer raschen Abzehrung hinzuwelken. Als die Mutter auf einige Minuten ging, um etwas zu holen, sagte sie mir hastig: „Ich muß Sie allein sprechen, AbendS zur Vesperzeit, wenn die Mutter in der Kirche ist. Gott hat Sie geschickt, damit ich sterben kann".
Ich kam zur bestimmten Zeit. Die Wärterin verließ unS auf Toninas Bitte. Die Unterredung war kurz, etwa eine gute Viertelstunde mochte sie gedauert haben. Sie enthüllte mir die Erlebnisse vieler Monate, das TodeSurtheil eines edlen, unvergeßlichen Herzens. Toninas Mutter war vom Anbeginn der Liebe meines Freundes und ihrer Tochter entgegen. Als sie den Ernst des Verhältnisses erkannte, wurde sie die Feindin Beider. Sie konnte den Gedanken nicht fassen, ihre Tochter auS Italien fortziehen zu sehen als das Weib eines Fremden, noch weniger den, ihnen zu folgen. „Eher sterben, hier, gleich, schnell, als draußen im Barbarenlande"! — Aber sie trat nicht offen als Gegnerin auf, sie wartete damit auf Karls Entfernung. Das Mädchen allein war zu bezwingen: Kindesliebe, Pflicht, Religion — Gott, wie viele Waffen gegen ein weibliches, schutzloses Herz! Nach unbescheiblichen, furchtbaren Auftritten schrieb endlich Tonina jenen Brief. In der patriotischen Lüge, meinte sie, lag noch ein Rest der Möglichkeit, von ihrem Geliebten nicht verachtet zu werden.
Gleich daraus begannen die HeirathSplane mit dem Ehrenmann von Monselice. Tonina widerstand bis zum äußersten Moment. Nur die politischen Zwischenfälle retteten sie vom Vollzug der Ehe, und endlich, bei der gewaltigen Erschütterung ihrer Kräfte, die sie befallende Krankheit.
