Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
No. 73. Freitag den 26. März 1852.
Tonina
Erinnerungen eines Paduaner Studenten.
(Fortsetzung.)
Meinem Freunde zu lieb schwieg ich von Tonina, hatte aber für mein Leben gern nach ihr gefragt. Glück- licherweise traf ihn ein Patrouillengang. Nun war ich frisch hinter meinem Wâlschen her. „Sagt", warf ich hin, „was treibt die schöne Tonina, — nun, Ihr wißt, die Tochter unserer Padrona?" — „Hm, waS wird sie machen? Ich denke, sie macht eS wie andere Weiber und betrügt ihren Mann", scherzte der frivole Scolare^ — Ich, voll Erstaunen, frage: „Ihren Mann? Redet im Namen deS Santo! *) ist denn Tonina verheirathet" ?
— „Ganz gewiß. Gerade als ich zu diesem verfluchten Kriegszug aufbrach, waren alle Anstalten getroffen zur Hochzeit". — „Mit wem, Vortrefflichster? sagt schnell mit wem"? — „Je nun, mit einem Ehrenmann, einem großen Patrioten und Wursthändler auS Monselice. Ich kenne ihn gut, er hat der Bürgergarde zwanzig Pfund Salami geschenkt. Tonina wird sehr glücklich sein mit ihm".
Für den ersten Bedarf wußte ich genug. Im Verlaufe unserer Unterhaltung 'erfuhr ich noch ein paar Einzelheiten und Erläuterungen, neben der Hauptsache ohne Bedeutung. Mein Gewährsmann hatte zufällig in der Sache sichere Kenntnisse. Seine Tante und Toninas Mutter waren Sodalinnen einer und derselben frommen Schwesterschaft,
Die HeirathSgeschichte ließ mich nicht schlafen. Ich hätte dergleichen niemals von unserer Tonina erwartet. Sehr gerne hätte ich nicht daran geglaubt, aber auch am nächsten Morgen versicherte mir mein Paduaner, der Bräutigam, respective Gemahl sei sein Clubgenosse, ein
*) II Santo — St. Antonius, der Hauptheilige von Padua.
wohlstehender Mann, nebenbei auch der Bruder des Beichtvaters unserer Padrona. „WaS wollt Ihr mehr"? fragte er, und ich konnte ihm nun freilich mit Beruhigung sagen, ich wisse genug. Sofort wendete ich aber meine Aufmerksamkeit auch auf ersprießlichere Angelegenheiten. Während wir eine Morgencigarre rauchten und ich den armen Gefangenen mit Mundvorrath versah, berichtete ich ihm die Lage meines guten Gottfrieds im Schutze der Republik Venedig.
„O Ihr Glücklicher"! rief er mit einem von tiefer Bekümmerung zeugenden Seufzer, „wie leicht ist eS mir ^orfrgti^— Suani_8flj}£ttju retten, wenn ich einmal aus der Gefangenschaft heimkehren sollte! aber seht mich ank wer verhilft mir zu einem einzigen Paar Beinkleider? Denn diese hier sind geopfert auf dem Altar des Vaterlandes"! — Wirklich überzeugte mich ein einziger Blick, daß ihr Dasein nur noch an ein paar schwachen Fäden hing. Ein menschliches Fühlen regte sich in meiner Kriegerbrust. Ich ging, holte auS meinem Tornister eine zwilchene Turnerhose und überreichte sie dem hartbedrängten Feinde mit den Worten: „Nehmt dieses Gewand, ein Symbol deutscher Kraft, und wenn Ihr könnt, handelt an meinem Verlassenen in Padua wie ein Freund".
Er gelobte eS mit Hand und Mund. In der Linken die Turnerhose emporhaltend , die Rechte mir darbie- tend, mit einem düstern Blicke zuerst auf seine Beinbekleidung und dann mit einem leuchtenden auf meine Gabe stand der wâlsche Kämpfer von der „Todtenlegion" vor mir. Ein großer Augenblick! ich weiß ihn nicht besser zu schildern, als wenn ich, wie mein Hauptmann vor mir eben so schön als treffend gesagt hat, behaupte: „eS war eine Versöhnung weltgeschichtlicher Ideen im Geiste der Zukunft". Gleich darauf schlug die Trommel Vergatterung und Alvist marschirte mit den Gefangenen nordwärts.
