Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
No. 71. Mittwoch den 24. März 1852.
Tonina.
Erinnerungen eines Paduaner Studenten.
(Fortsetzung.)
n.
ES versteht sich von selbst, daß wir, kaum mit einem Fuße in unserer Vaterstadt, einen großen Brief auf die Post gaben, adrrsfirt an Signora Tonina in Padua. Während der mehrtägigen Abschiedsanstalten war natürlich über eine wohlgeregelte, unablässige Correspondenz, über Erklärungen an die Verwandten Karls, über einen förmlichen Werbebrief an die Mama, Feststellung eines Termins, bis wann Herr Doctor Karl *, k. k. Avvocat in *, nach Padua kommen werde, um seine Sposa heim- zuholen, und über dazwischen fallende Besuche daselbst verhandelt worden.
Die Liebenden zweifelten keinen Augenblick, man werde mit nächstem in Wien die Republik von San Marco anerkennen und in freundschaftliche Beziehung zu diesem Nachbarstaate treten, ein Schritt, der allen internationalen Hemmnissen ihres HerzenSbundeS ein Ende machen müsse.
Auf deutschem Boden, der doch sonst für daS Gedeihen von Illusionen sich besonders geeigenschaftet zeigt, erlitten zwar die letzteren Voraussetzungen meines Freundes einigen Abbruch, weil unS hler der neuprivilegirte schwarz-roth-goldene Patriotismus überfiel und wir nun nachträglich meinten, wir hätten doch manche Schmach an den Wälschen zu rächen. Indessen mit Tonina sollten dennoch unter allen politischen Constellalionen die diplomatischen Beziehungen nicht abgebrochen werden. Tonina zu germanifiren, schien unS ein leichtes, ja vermöge ihrer Blondheit und ihrer Treuherzigkeit bereits gelungen, und somit mochten wir immerhin den Rest der italienischen Nation unserem gerechten Zorn opfern.
ToninaS Antwort auf den dicken Brief ließ lange auf sich warten. ES war umgehende Beantwortung verabredet und dennoch verging Post um Post, ohne ein Fleckchen Papier von der Piazza bei Signori mitzubringen. Desto regelmäßiger schrieb Karl, alle Wochen zweimal. Die Verwirrung, den KriegSlärm hielt er für die Ursache deS Ausbleibens eines Briefs, obschon deren genug regelmäßig aus Italien eintrafen. Ich freute mich seiner Geduld. Mein Pollur war aber auch über alle Zweifel hinaus und übervieß, wenn er einmal etwas fest im Kopf hatte, von der liebenswürdigsten Hartnäckigkeit, die an'S Sorglose streifte.
Drei, vier Wochen gingen so dahin. Wir vermißten noch immer Tonina'S Antwort; unterdessen hatten wir aber auch einen andern Abgang in unserem Befitzthum entdeckt. Bei der Eilfertigkeit und Zerstreuung, mit der unsere Abreise in Padua vor sich gegangen war, hatte ich übersehen, daß wein alter FlauS, der theure grüne „Gottfried*, der Gefährte aller meiner Studienjahre, eigentlich meine zweite Haut, einzupacken vergessen worden. Er hing sicher noch an der Wand meiner Zelle, tief bekümmert über meine Vergeßlichkeit, ein deutsches Bur- scheafell mitten unter wâlschen Verräthern; schreckliche Lage! —
In einer Nachschrift zu Karls nächstem Briefe baten wir um Auslieferung dieses vergessenen ehrwürdigen Gewändes. Der prosaische Anhang verhalf unS nach meiner stillen Hoffnung vielleicht zu einem poetischen Ergüsse der Schweigsamen. Ich täuschte mich. Auch die Verlassenheit eines deutschen Flauses in Mitten einer feindlichen Nation rührte unsere Geliebte in Padua nicht.
Karl zweifelte nun keinen Augenblick, daß seine Theuerste in Folge der schmerzlichen Trennung erkrank sei und deßhalb nicht schreiben könne, Mama aber ihn
