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Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.

No. 68. Samstag

den 20. März 1852.

T o n i n a.

Erinnerungen eines Paduaner Studenten.

(Fortsetzung.)

Kann eS eine regelmäßigere Einleitung einer Stu­dentenliebschaft geben, als daß dem betreffenden Jndivi, duum chie Tochter seiner Hausfrau in's Auge sticht? Können Symptome wie ein anfängliches Keifen und Wi­derstreben der Mama und ein späteres Eingehen auf die Verhältnisse, ferner ein höchst unbefangener, alle Freihei­ten sich wahrender Ton des Liebhabers und eine an­spruchslose, leichtblütige Zärtlichkeit der Angebeteten, ver­bunden mit dem Umstande, daß der Betheiligte diesen Damen niemals sein Monatgeld schuldig blieb, können solche Anzeichen etwas anderes erwarten lassen als die Aufführung eines heitern TraumS, aus dem man ohne Herzweb und Kopfschmerzen erwacht, wenn der Wecker ruft? Und trotz dieser günstigen Sachlage nahm die einfache Studemenverliebniß einen, wie sich später zeigte, bedenklichen Character an, und wurde ein unabweisbarer Grund unseres Verbleibens in Padua.

Ich muß hier einschalten, baß nach dem Usuö deö wälschen StudententhumS bei zarten Verhältnissen zu dem schönen Geschlecht man sich am häufigsten mit der losesten Verschlingung vollkommen befriedigt fühlt. Die Anlässe zu ertffieren Beziehungen find nicht vorhanden; über eine gewisse Sphäre hinaus hat der Scolare di Padova wenig Aussicht seine Gefühle verwerthen zu können. Die Fa­milie ist ihm versperrt, ein italienischer Hausvater denkt auch gar nicht daran, daß sich ein Student für sittsame Töchter interesfiren könne. Für die Deutschen haben zwar nicht allein die letzteren ein besseres Vorurtheil, sondern auch dir ersteren, dennoch verbleibt eS bei der guten Meinung und die Gelegenheit zum Verkehr wird nicht geboten und nicht gesucht. Bei dem LiebeSfalle meines

Freundes zeigten sich falsbald Ausnahmen von [obigen Regeln, die wir damals zu wenig beachteten.

DaS war keine paduanische Liebschaft mehr, eS war eine gut deutsche geworden. Man weiß, was daS sagen will. Die Dummheit oder der Ernst derselben lag am Tage, die tragische Wendung war da: der Schluß war eine Heirath oder ein Schmerz fürs Leben. Ich setze nämlich voraus, waS wohl auch die Leser meiner Auf­zeichnung thun, daß wir uns wie ehrliche Kerle beneh­men wollten. Die erste Ausnahme bestand darin, daß die Familie, bei welcher wir wohnten (ich hatte in ein Hinterkämmerlein mich einklausirt, um meinem Pollur freies Feld zu lassen) , eine ganz achtbare war und nur an deutsche Studenten von besonderem Anstand, d. h. Doctoranden, Doctoren rc. ein paar Zimmer abließ. Die zweite Ausnahme ließ diese Familie nur au» einer etwas milzsüchtigen, sonst aber sehr höflichen Mutter und einer schon beim ersten Anblick äußerst liebenswürdigen Tochter bestehen. Als dritte und bedenklichste aber verlor sich diese Liebenswürdigkeit der Tochter nicht mit jeder Woche mehr, wenn man als ihre Hausgenosse einige tiefere Blicke in ihre Bestandtheile werfen konnte, sondern gewann an magnetischer Kraft, je unscheinbarer sie dem Beobachter allmâhlig sich darstellte. Ueber dem hatte daS Mädchen gerade nur so viel wâlscheS Wesen an sich, alS uns an den Weibern dieses Volkes gefallen kann, die Grazie der Bewegung, die Lebhaftigkeit der Empfindung, die taktvolle Feinheit der Form, die selbst der Leidenschaft ein ebleS Gepräge gibt; alles übrige war deutsch. Statt der lan­desüblichen Trägheit zeigte Tonina die stete Thätigkeit einer deutschen Hausfrau, statt der Gefallsucht die schüch­ternste Bescheidenheit; sie war sinnig, innig, treu, fromm. Selbst die classische Unwissenheit ihrer LandSmânninen fehlte ihr und doch war sie, Gottlob, kein „gebildetes Mäd­chen". Dem entsprechend hatte sie blondes Haar und blaue