Der Wanderer.
Belletristisches Beiblatt zur Nassauischen Allgem. Zeitung.
No. 67. Freitag den 19. März 1852.
T o n in a Erinnerungen eines Paduaner Studenten.
I.
Wir saßen unsere zwei — deutsche Landsleute aus derselben Stadt und gute Freunde seit den ersten mit einander in der Schule erhaltenen „Batzen" *) — zu Padua, um uns daselbst auf eine ziemlich bequeme und billige Weise zu Doktoren juris utriusque machen zu lassen. Eigentlich zu der Zeit, in welcher sich der Faden meiner hier erzählten Erinnerungen abzuspinnen anfângt, hatten wir bereits diele Operation glücklich überstanden und konnten daS Bewußtsein unserer unbestreitbaren Gelehrsamkeit alS eine in Sammt gebundene Eselshaut mit lateinischer Inschrift unterm Arm herumtragen. Schon vor mehreren Wochen hatten wir das tiefsinnige und würdevolle Schauspiel der Disputation um die Laurea ausgeführt, halten im Hermelintalar, der unsere Gestalten umschlotterte, den Zuhörern so gut iwponirt wie die vielen Hunderte, die vor uns in diesem Mottengehäufe stacken. An den Buden unseres Schuhmachers und Haarkräuslers hingen die Sonette und Oben, womit die con- cessionirten Poeten der Universität das Erscheinen eines so leuchtenden Doppelgestirns am Horizont der Wissenschaft besungen, dem Kassier hatten wir die dreihundert Zwanziger Tare bezahlt, und selbst der DoktorschmauS mit seinen unabweiSlichen Folgen war längst verschlafen und verwunden. Kurz, unser Tagewerk war gethan, und doch saßen wir noch immer zu Padua, und mir wollte eS damals auch nicht deutlich werden, daß wir fortkommen könnten oder gar schon fort sein sollten.
ES ist sonst nicht die Gewohnheit absolvirter und graduirter Leute deutscher Zunge, eine Stunde länger als durchaus nöthig an dieser Urquelle der Weisheit zu
*) Ruthenstreiche auf die flache Hand.
verweilen. Ein halbes Dutzend Kollegen hatten bereits mit inbrünstigem Fluchen den Tag herauf beschworen, an welchem sie den langgestreckten Gassen und den kurzgemessenen Annehmlichkeiten dieser Stadt deS Antenorentrinnen durften, und die merkwürdigste Erinnerung, die sie mit sich nahmen, war der Umstand, daß wir beide dort zurückblieben. Abgesehen davon, daß sie wußten, wir hätten gerade lange genug im Caffs zum Principe Carlo gegähnt und in den Höhlen der Trattoria Zang- rossi unser Futter gesucht, oder in der Birreria di San Gaetano uns an der Natur der deutschen Kellnerin erholt von dem Pathos wâlscher Wissenschaft, gewährte in den Tagen unserer wunderbaren Ausdauer zu Padua der Aufenthalt daselbst sicherlich ein Minimum jener Wonne, die wir Deutsche jenseits der Alpen suchen. Derselbe fiel nämlich in den Anfang deS JahreS 1848, als bereits die Abneigung gegen unS gutmüthigste Frem- denbewunderer mehr als deutlich zu spüren war. Einiges Barbarenthum, einige Gleichschätzung mit dem un- saubern Thiere hatten wir unS von je im Bewußtsein unserer Philosophie und unserer neugewaschenen Hemden gefallen lassen; daS lautere Bellen der Möpse vermehrte sogar anfänglich die innere ironische Genugthuung , die wir bei ihrem Heiserwerden empfanden; manchmal waren wir selbst nicht abgeneigt, den patriotischen Unverschämtheiten der Italiener unsere volle Hochachtung zu widmen, denn kein Mensch ist bereitwilliger, alle Aeußerungendes Nationalgefühls anzuerkennen, als ein Deutscher, wenn nur nicht begehrt wird, daß er diese Anerkennung auf sein eigenes anwende.
Legten wir demgemäß keinen besondern Werth auf die Antipathien der Wâlschen, so hätte vielleicht doch der förmliche Geduldbankerolt unserer LandSleute und Stu- diengenoffen auch unS flüchtig werden lassen; aber wie gesagt, wir kamen nicht dazu. UnS hielt ein sehr ge-
