Einzelbild herunterladen
 

Der Wanderer.

Belletristisches Beiblatt zur Naffauischen Allgem. Zeitung.

No. 64. Dienstag den 16. März 1852.

Das Armband.

(Fortsetzung.)

Alba las den Zettel mit einem schmerzlichen Lächeln. 6t droht mir! WaS kann er mir Schlimmeres zufügen, alS er in diesen sieben Jahren gethan? Und sich umwen­dend flüsterte sie leiser WaS ist ärger als Warten ohne frommen ?

Finlay aber fragte: Nun, wie ist eS?

Sie sagte ruhig: Ich kann nicht mitgehen. DaS hieße den Impresario betrügen. Als ich jenes Verspre­chen gab, war ich achtzehn Jahre alt und liebeberauscht. Ich bin jetzt fünfundzwanzig und — nüchtern. Arthur hat auch sein Recht verloren, denn er sollte mich nur auS Liebe zu sich rufen, nicht auS Rache oder gar als Strafe, wie eS jetzt geschieht. Einer Forderung, die ich mit Geld abkaufen kann, gebe ich mich nicht selbst Preis!

DaS fehlte noch! sagte Finlay bitter; daS fehlte noch, um meinem armen Arthur den Rest zu geben, die­sem Arthur, den Sie schon halb zu Grunde gerichtet haben, durch Ihre herzlose Heirath!

Arthur? und sie faßte die Hände deS alten Man« rzeS, als wollte sie ihn nie loSlassen; Arthur hat durch mich gelitten? So liebt er mich noch?

Freilich, freilich, und, lassen Sie wich'S sagen, leider! Als der arme Junge vier Jahre gearbeitet, wie Einer, der'S um seine Seele thut, kommt die Zurückforderung Ihres Pfandes — dann die Nachricht Ihrer Heirath. WaS kann der arme Junge dafür, daß er kein Glück und kein Talent zum Diplomaten hat? — feine Schuld ist es mcht — aber wenn Sie ihn sehen, wenn Sie in sein vor der Zeit gealtertes Gesicht blicken, dann wirb doch Ihr kalte- Herz von Reue ergriffen werden!

In diesem Augenblicke wurde Alba ein Brief über- -eben. Halb gedankenlos, denn ihre ungeteilte Aufmerk­

samkeit war bei Finlay'S Schilderung, riß sie in auf — sie blickte hinein, sie strich sich mit der Hand über die Stirn und sagte, indem ein kleiner Schauer ihre hohe Gestalt überlief:

DaS ist Gottes Finger! Ich soll mit Ihnen gehen, denn der Anstand verbietet mir doch jetzt, hieraufzutreten — hier ist die Todesnachricht des mir angetrauten Gra­fen Monthion; er hat sich erschossen!

So! Graf Monthion? erschossen?

So ist's!

So gehen sie mit mir nach London.

Ich gehe, aber erst morgen; heute Abend bleiben Sie hier bei mir, um mir von Arthur zu erzählen, und morgen reifen wir. Nur müssen Sie auch meine alte Betty mitnehmen und mir die Reisekosten vorstrecken und mit mir über Paris gehen. Dem Impresario will ich diesen Brief mit der Todesnachricht schicken, so bin ich meines Wortes entbunden.

Finlay sagte zu. Allem Ja, aber er wußte selbst nicht recht, wie ihm zu Muthe war — sollte er dieses Weib hassen oder lieben?

V. DaS Glück.

ES war in London einer jener Maitage, wie die Riesenstadt ihrer so viele hat, trübe und doch nicht reg­nerisch, belebt und doch nicht heiter.

Vor einem hohen Hause in GroSvenor-Equare hielt ein Cabriolet, woraus ein schlanker, schwarz gekleideter Mann stieg, der an den Diener, welcher ihm öffnete, die Frage richtete: Ist Niemand während meiner Spazier­fahrt angekommen?

Doch, Mylord!

Wer ist Venn gekommen? rasch!

Ein Herr und eine Dame, sagte der pathetische Die­ner, oder vielmehr eine Dame und ein Herr.